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Wärmeleitpaste ade? Noctua und Carbice setzen auf Carbon-Nanotubes

Noctua bringt Carbon-Nanotube-Pads von Carbice für den PC-Markt. Sie sind super einfach zu montieren, starten aber mit schwächeren Temperaturen als klassische Paste. Erst über Zeit kehrt sich das Blatt.

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Codekiste Redaktion4. Juni 2026

Die ewige Qual beim PC-Bau: Wie viel Wärmeleitpaste braucht es? Hat man zu wenig drauf, droht der Hitzetod des Prozessors, zu viel, und es quillt über die Ränder. Wärmeleitpads versprechen hier Abhilfe, scheiterten in der Vergangenheit aber oft an mangelnder Performance. Nun schlägt die legendäre Kühl-Schmiede Noctua Alarm und präsentiert gemeinsam mit dem Industriepartner Carbise ein Carbon-Nanotube-Thermalpad, das das Zeug hat, die Branche umzukrempeln – auch wenn der erste Blick trügt.

Der verlockende Sales-Pitch und die bittere Realität

Die Vorteile eines solchen Pads liegen auf der Hand: Man legt es auf den CPU-Heatspreader, setzt den Kühler auf, fertig. Kein Kleckern, keine Lufteinschlüsse, keine nervige Reinigung beim Wechsel. Einfach abziehen und das Pad bleibt rückstandslos zurück. Doch bisher endete hier meist die Euphorie, denn Pads leiten Wärme in der Regel spürbar schlechter als hochwertige Paste.

So auch bei den Carbise-Pads: Erste Tests im Labor zeigten Temperaturen, die 4, 6 oder gar bis zu 12 Grad Celsius schlechter waren als bei Referenzpasten wie dem Honeywell PTM7950 oder Noctuas eigener NT-H2. Wie kann ein Unternehmen, das für seine penible Ingenieurskunst und exzellente Kühlleistung bekannt ist, ein solches Produkt überhaupt empfehlen?

Die Wende kommt mit der Zeit

Die Antwort liegt in der Degradation. Flüssige Wärmeleitpasten unterliegen dem sogenannten „Pump-Out-Effekt“: Durch ständiges Erhitzen und Abkühlen (Thermal Cycles) wird die Paste langsam aus der Mitte herausgedrückt, sie trocknet aus und verliert an Leistung. Carbise-Pads hingegen machen genau das Gegenteil: Sie verbessern sich über die Zeit.

Noctua fand heraus, dass nach mehreren tausend Thermal Cycles der Wendepunkt erreicht ist: Die Paste baut ab, das Pad baut auf, und plötzlich liefert das Pad die besseren Temperaturen. Wichtig dabei: Ein Thermal Cycle ist nicht gleich ein kompletter PC-Neustart. Es zählt bereits, wenn die Temperatur beidseitig des Pads die 50- bis 60-Grad-Marke über- und unterschreitet. Das passiert im Alltag dutzendweise pro Session. Wer also seinen PC über Jahre hinweg betreibt, könnte vom Pad langfristig profitieren.

Die Physik der Carbon-Nanotubes

Dass Carbise-Pads überhaupt funktionieren, ist faszinierend. Carbon-Nanotubes (CNTs) sind leichter als Carbonfaser, fester als Stahl und leiten Wärme besser als Kupfer. Allerdings haben sie zwei gewaltige Nachteile. Erstens sind sie auf Nanometerebene extrem filigran und müssen geschützt werden. Zweitens sind sie anisotrop. Wärme fließt durch einen CNT wie Wasser durch einen Strohhalm – entlang der Röhre hervorragend, durch die Wand jedoch kaum.

Carbise löst dieses Problem elegant: Auf ein winziges, 50 Mikrometer dickes Aluminium-Substrat wird auf beiden Seiten ein dichter Wald aus CNTs gewachsen. Sie stützen sich gegenseitig (wie Passagiere in einem vollgestopften Zug) und sind perfekt vertikal ausgerichtet, um die Wärme von der CPU direkt zum Kühler zu transportieren.

Das Mikro-Lücken-Problem und der Burn-in

Bleibt das Problem der Oberflächenrauheit. CPU-Heatspreader und Kühlerboden sind mikroskopisch uneben. Paste füllt diese Lücken durch ihr Fließverhalten, CNTs sind fest. Wie kommen sie in die Ritzen? Zum einen nutzen sie ihre federnde Flexibilität, um sich in die Unebenheiten zu pressen. Zum anderen besitzen die CNTs eine Polymerbeschichtung an den Spitzen, die sich während der Aktivierungsphase in die Mikrolücken ausbreitet.

Genau diese Faktoren erklären den extrem langen Burn-in des Pads. Es dauert Tausende von Zyklen, bis das Polymer vollständig imprägniert ist. Für Bastler, die alle paar Monate den Kühler abmontieren, ist dieses Pad somit völlig ungeeignet. Für Langzeit-Nutzer hingegen könnte es die Sorgen um nachlassende Kühlleistung ein für alle Mal beenden.

Einschränkungen und Preis

Es gibt jedoch weitere Hürden. Carbise empfiehlt die Pads aktuell nicht für Bare-Die-Kühlung (etwa bei Grafikkarten oder direkten Laptop-CPUs). Zudem sind Intels oft ungleichmäßige Heatspreader ein Problem, für die dickere Pads nötig wären. Noctua spricht die Pads daher explizit nur für AM4- und AM5-Systeme an. Selbst hier zeigte sich im Test mit High-End-Wasserkühlern ein geringerer Benefit – vermutlich, weil die Cold Plate zu gut kühlt und das Pad auf der Kühlerseite nicht heiß genug wird, um den Burn-in-Prozess optimal anzukurbeln.

Zudem ist das Pad ein Einwegprodukt. Es kostet etwa so viel wie eine ganze Tube Premium-Paste, kann aber nur einmal verwendet werden. Löst man das Pad ab, bleiben durch die Polymerhaftung oft CNTs auf der CPU zurück.

Weitere Noctua-Neuheiten

Neben den CNT-Pads gab es auch Updates zu anderen Noctua-Projekten. Das lang erwartete AIO in Kooperation mit Asetek rückt näher. Akustik-Dämmmaterialien über der Pumpe sowie ein magnetischer VRM-Lüfter, der die Gehäuselüfter auf 40 % drosseln lässt, bei besseren VRM-Temperaturen, klingen vielversprechend.

Noch spannender ist das pumpenlose AIO. Hier gab es massive Fortschritte: Das Problem des isolierenden Dampf-Barriers im Verdampferkopf wurde durch clevere Geometrie und eine zentrierte Kupferbeschichtung gelöst. Das Ergebnis: Das pumpenlose AIO hält jetzt einen vollen OCCT-Stresstest auf einem 9950X3D stand und wird nur wenige Grad wärmer als eine konventionelle Pumpe.

Fazit: Die Carbise-CNT-Pads sind kein Allheilmittel für Overclocker, sondern ein pragmatisches Produkt für den Langzeitbetrieb. Wer seinen AMD-Rechner aufbaut, die Klappe schließt und für die nächsten Jahre nicht mehr öffnet, könnte mit den Pads langfristig die besseren Temperaturen erleben als mit jeder Paste. Der Preis und die anfängliche Leistungsschwäche erfordern jedoch echtes Vertrauen in die Physik.

Quelle: Linus Tech Tips

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