Die Computex in Taiwan galt einst als die größte Computermesse der Welt. Wer heute auf die Website schaut, sucht das Wort „Computer“ jedoch vergebens – „AIoT“ und „Startups“ sind die neuen Schlagworte. Artificial Intelligence of Things? Ein Begriff, den die Branche gerade erst erfunden hat, um den aktuellen Hype zu füttern. Denn eines war auf der diesjährigen Computex nicht zu übersehen: KI ist überall, selbst dort, wo sie niemand braucht.
Das 8-GB-Problem: Wenn Speicher knapp wird
Der vielleicht besorgniserregendste Trend der Messe hat nichts mit innovativen Features zu tun, sondern mit schwindenden Ressourcen. Weherung und Preise für PC-Komponenten – insbesondere Speicher – steigen rasant, da die Tech-Giganten im Wettlauf um KI-Rechenzentrum massiv RAM aufkaufen. Die Konsequenz für den Endverbraucher? Geräte, die für heutige Verhältnisse unterdotiert sind.
Das Acer Swift Air 14 ist ein Paradebeispiel dafür. In Europa für 800 Euro angeboten, kommt es exklusiv mit 8 GB RAM. Um Preise niedrig zu halten, fertigt Acer die Hauptplatinen in hohen Stückzahlen lediglich in einer Konfiguration – der RAM ist direkt aufgelötet. Acer versucht damit offensichtlich, in der Zielgruppe des MacBook Air (früher MacBook Neo genannt) zu wildern. Zwar bietet das Acer-Gerät ein Zoll mehr Display, Thunderbolt 4 statt abgespeckter USB-C-Anschlüsse und 120 Hertz statt 60 Hertz – doch 8 GB RAM bleiben ein Flaschenhals. Egal ob Windows 11 oder macOS: Wer viele Browser-Tabs offen hat, wird mit 8 GB unweigerlich in die Knie gehen. Auch Dell zieht mit dem XPS 13 für 800 Euro und ebenfalls 8 GB RAM in dieselbe prekäre Richtung. Die klare Empfehlung: Finger weg von 8-GB-Geräten. Wer sparen muss, sollte lieber zum Gebrauchtmarkt greifen.
Handhelds und Nvidia RTX Spark: Viel Leistung, hoher Preis?
Auch bei den PC-Handhelds zeigt sich der Preissog. Das Asus ROG Ally X20 und das MSI Claw 8 EX AI+ (das „AI“ im Namen ist mittlerweile obligatorisch) bieten beeindruckende Specs wie 24 bis 32 GB RAM. Doch diese Ausstattungen werden die Geräte voraussichtlich so teuer machen, dass sie für den Massenmarkt kaum attraktiv sind.
Noch spannender sind die ersten Notebooks mit Nvidia-CPU und -GPU, den RTX-Spark-Rechnern. Fast jeder relevante Hersteller hat entsprechende Modelle für den Herbst angekündigt. Preisinfos gab es kaum, doch c't-Kollegen haben Details zum Chipsatz herausgefunden: Der große Chip (Codename N1X) darf zwischen 45 und 85 Watt verheizen, das Kühlsystem im Microsoft Surface Laptop Ultra ist sogar auf 110 Watt ausgelegt. Die abgespeckte N1-Version ohne „X“ wird sich im 18- bis 45-Watt-Bereich bewegen. Die große Frage bleibt die Akkulaufzeit, da die Desktop-Version des RTX Spark (DGX Spark) im Leerlauf bereits 20 Watt zieht.
Tandem-OLED: Die Rettung für Monitore?
Ein echtes Highlight der Messe waren die neuen OLED-Monitore. Lange Zeit waren OLED-Displays nur in dunklen Umgebungen wirklich überzeugend. Mit der sogenannten Tandem-Technologie – bei der zwei oder mehr organische Leuchtschichten übereinanderliegen – ballern die neuen Panels nun auch Helligkeitsrekorde raus und sollen das Einbrennen-Risiko minimieren. Hersteller wie Samsung (QD-OLED) und LG bieten endlich vielfältige Größenklassen an.
Kurios: Der ROG Strix OLED XG259QWPG wird als eSports-Monitor vermarktet, bietet aber nur 24,5 Zoll und 1080p Auflösung – dafür aber 540 Hertz. Ein Highlight ist hingegen das matte 27-Zoll-4K-OLED-Display von MSI für rund 650 Euro, das das lästige Spiegeln von OLED-Panels der Vergangenheit angehen will.
Der agentische Monitor: KI, die niemand brauchte
Den Gipfel der KI-Absurdität präsentierte MSI mit dem „ersten agentischen KI-QD-OLED-Monitor der Welt“. Die Idee: Man schließt einen PC an, auf dem OpenClaw respektive die MSI-Variante „LuckyClaw“ läuft, und kann Monitor-Parameter per Text oder Spracheingabe ändern. „Mach mal Helligkeit höher“ – so stellt man sich die Zukunft offenbar vor.
Noch skurriler wurde es beim MSI-Komplett-PC MEG Vision X2 AI+. Hier ist LuckyClaw vorinstalliert, inklusive eines animierten holografischen Drachens im Gehäuse-Display, mit dem man sprechen kann. Auf der Messe lief das System mit dem chinesischen Cloud-KI-Modell Minimax und der Sprachausgabe über ElevenLabs. Der Drache kommunizierte dabei mit einer penetranten Lautstärke und erklärte stoisch, dass dies einfach sein „Stil“ sei.
Abgesehen von der fragwürdigen Nützlichkeit, Monitor-Einstellungen per Sprachbefehl zu ändern, gibt es ein massives Sicherheitsproblem: OpenClaw ist eine Software, die nahezu täglich Sicherheitsupdates benötigt. Wenn Hersteller wie MSI eigene Forks wie „LuckyClaw“ erstellen, bei denen die Updates nicht zeitgleich durchgereicht werden, ist das ein gefundenes Fressen für Angreifer. Der Drache mag niedlich sein, das Sicherheitskonzept ist es nicht.
Fazit
Die Computex 2024 ist ein Spiegelbild einer Branche im Ausnahmezustand. Während die Server-Farmen für KI Milliarden schlucken, müssen Consumer-Geräte Abstriche machen. Die Ergebnisse sind teils kurios (agentische Monitore), teils bedenklich (8 GB RAM für 800 Euro). Die wahre Innovation – wie die beeindruckenden Tandem-OLED-Displays – geht in dem Rauschen der künstlichen Intelligenz fast unter. Es bleibt abzuwarten, ob die Branche den Weg zurück zum vernünftigen Consumer-Fokus findet oder sich weiter im KI-Sprechwirbel verliert.
Quelle: c't 3003