Die Venture-Capital-Landschaft verschiebt sich. Wo einst reine Software-as-a-Service-Startups die Zusagen der Investoren dominierten, rücken nun Sektoren in den Vordergrund, die lange als zu träge, zu kapitalintensiv oder zu reguliert für agile Startups galten: Verteidigungstechnik und die physische Welt. Ein Paradebeispiel für diesen fundamentalen Wandel ist die kommende StrictlyVC-Konferenz in Los Angeles.
Am 18. Juni 2026 bringt StrictlyVC im Aerospace Corporation Campus in El Segundo ein exklusives Publikum aus Investoren, Gründern und Führungskräften zusammen. Die Wahl des Veranstaltungsortes ist dabei alles andere als zufällig. El Segundo hat sich in den letzten Jahren zum Epizentrum der aufstrebenden Hardtech- und Defense-Szene an der Westküste entwickelt. Hier, wo einst die klassische Luft- und Raumfahrt residierte, bauen nun junge Unternehmen an der Zukunft der autonom gesteuerten Verteidigung.
Der Strukturwandel der Verteidigungsindustrie
Einer der Highlights des Abends ist Ethan Thornton, Gründer von Mach Industries. Seine Session unter dem Titel „Built for a New Era of Defense Technology“ verspricht eine der aktuell relevantesten Debatten der Branche. Thornton vertritt eine neue Generation von Gründern, die sich nicht vor den langen Beschaffungszyklen des Pentagon scheuen, sondern diese durch technologische Überlegenheit und Geschwindigkeit attackieren.
Seine These: Die Verteidigungsinnovation durchläuft einen strukturellen Wandel. Autonomie, Fertigung und nationale Sicherheit verschmelzen zunehmend. Während traditionelle Rüstungskonzerne oft Jahre für die Entwicklung neuer Systeme benötigen, setzen Unternehmen wie Mach Industries auf iterative Entwicklungszyklen, die aus der Softwarewelt bekannt sind. Die kritische Frage, die Thornton auf der Bühne beantworten muss: Lassen sich Waffensysteme und Verteidigungsinfrastruktur wirklich „at speed“ entwickeln, ohne dass Sicherheit und Zuverlässigkeit auf der Strecke bleiben? Der geopolitische Druck zwingt zu Radikalität, doch die Fehlerverzeihlichkeit in der Defense-Industrie geht gegen Null.
Vom Bit zum Atom: Das Zeitalter der Physical AI
Im zweiten großen Themenblock wechselt der Fokus von der Verteidigung zur grundlegenden Transformation unserer physischen Umgebung durch Künstliche Intelligenz. Delian Asparouhov von Founders Fund und Saif Khawaja von Shinkei Systems diskutieren das Konzept der „Physical AI“.
Nach Jahren, in denen KI primär auf Softwareebene agierte – Textgenerierung, Code-Ergänzung, Datenanalyse –, steht nun die Interaktion mit der echten Welt an. Fortschritte in der Robotik und Automatisierung ermöglichen es KI-Systemen, nicht nur Daten zu verarbeiten, sondern physische Objekte zu manipulieren und Produktionsprozesse zu steuern. Der Sprung vom Konzept zur Skalierung ist hierbei jedoch massiv. Software lässt sich unendlich oft kopieren; ein Roboterarm, der in der realen Welt operiert, muss mit unzähligen Variablen und physikalischen Limitierungen umgehen. Founders Fund hat sich traditionell stets als Vorreiter für Frontier Technology positioniert, und die Kombination mit Shinkei Systems deutet darauf hin, dass es um tiefgreifende Investitionen in die Infrastruktur der echten Welt geht.
Der Wert des Raums: Netzwerken hinter verschlossenen Türen
Neben den Bühnendiskussionen betont StrictlyVC den Wert des direkten, ungeschönten Austauschs. In einer Zeit, in der Tech-Events oft zu überdimensionalen Marketing-Veranstaltungen verkommen, positioniert sich die Konferenz als exklusiver Raum für „high-signal conversations“. Gerade in Sektoren wie Defense Tech, wo Diskretion und Vertrauen die Grundwährung für Investitionen sind, finden die wichtigsten Entscheidungen nicht auf der Bühne statt, sondern in den Pausen.
StrictlyVC Los Angeles ist mehr als nur ein weiteres Branchen-Dinner. Es ist ein Seismograph für den Zustand der Venture-Capital-Industrie im Jahr 2026. Die Themen Defense und Physical AI zeigen deutlich: Das Kapital sucht nach Einfluss in der physischen Welt, nicht mehr nur im digitalen Raum. Die Frage, die im Raum stehen bleibt, ist, ob die Geschwindigkeit der Startups mit der Trägheit der realen Welt Schritt halten kann.
Quelle: TechCrunch