Der Wearable-Markt leidet unter einem Problem: Abo-Müdigkeit. Wer einen modernen Fitness-Tracker wie Whoop oder Oura nutzen möchte, muss nicht nur tief in die Tasche greifen, um das Gerät zu kaufen, sondern auch monatlich blechen. Google tritt nun mit dem Fitbit Air an – und macht vieles anders. Für einmalig 99 Euro gibt es das Armband, und das Beste: Ein Abo ist für die Basisfunktionen nicht zwingend nötig. Doch hält der Tracker, was er verspricht?
Hardware: Leicht, unauffällig, durchdacht
Das Fitbit Air ist mit seinen 12 Gramm ein absolutes Federgewicht. Das schmale Stoffarmband lässt sich per Klettverschluss anpassen, trocknet schnell und ist so unauffällig, dass man es sowohl beim Sport als auch nachts problemlos vergisst. Die IP68-Zertifizierung erlaubt problemlos das Schwimmen und Duschen. Die eigentliche Technik sitzt in einem kleinen Puck, der aus dem Band geklickt werden kann – was den Wechsel von Armbändern erleichtert. Bizeps-Bänder wie bei Whoop gibt es noch nicht, hier werden Drittanbieter nachlegen müssen.
Ein echtes Highlight ist die Akkulaufzeit: Statt der offiziell angegebenen sieben Tage hielt der Tester ganze acht bis neun Tage durch. Noch beeindruckender ist die Ladegeschwindigkeit. In nur 20 Minuten lädt der Puck von 20 auf 85 Prozent. Das reduziert die Gefahr, den Tracker abzulegen und zu vergessen, erheblich. Nur Whoops Lösung, bei der ein Akku direkt ans Band geklippt wird, ist noch praxistauglicher.
Tracking: Kontinuierlich statt stichprobenartig
Anders als 99 Prozent der Konkurrenz misst das Fitbit Air den Puls nicht nur alle paar Minuten oder auf manuellen Start, sondern kontinuierlich alle zwei Sekunden – im Training sogar sekündlich. Das ist ein massiver Vorteil, da so keine Daten verloren gehen und Aktivitäten sogar rückwirkend erkannt und zugeordnet werden können. Die Genauigkeit ist beim Joggen erfreulich hoch, beim Kraftsport tendiert das Band jedoch zu hohe Pulswerte. Die Schrittzählung neigt wie bei der Pixel Watch dazu, konstant zu hohe Werte auszuweisen – am Ende können da mehrere tausend Schritte zu viel auf dem Zähler stehen.
Ein Manko ist das fehlende Display. Wer beim Laufen seine Herzfrequenzzone ablesen möchte, muss zur App greifen, denn das Band zeigt nichts an. Auch GPS muss manuell gestartet werden, sonst fehlt die genaue Pace.
Die App und der DSGVO-Vorteil
Die Steuerung erfolgt komplett über die App (früher Fitbit, jetzt Google Health). Sie ist aufgeräumt und intuitiv. Der größte Pluspunkt des Fitbit Air ist jedoch die Nutzung ohne Abo. Und hier kommt die EU ins Spiel: Dank der DSGVO ist es Google in Europa untersagt, zentrale Gesundheitswerte hinter eine Paywall zu verstecken. Wer kein Abo abschließt, bekommt trotzdem Schritte, Distanz, Kalorien, Schlafdauer, Tagesform und sogar langfristige Trends. Besonders beim Schlaf ist Google laut Experten extrem präzise – ein starker Wert, der ohne Zusatzkosten auskommt.
Das Abo: Lohnt sich der Gemini-Cock?
Wer 10 Euro im Monat bezahlt, bekommt vor allem drei Dinge: Fitness-Videos, unbegrenzte Datenspeicherung und den neuen KI-Coach auf Basis von Google Gemini. Der Coach erlaubt es, in natürlicher Sprache über die eigenen Daten zu sprechen, Workouts planen zu lassen oder Mahlzeiten per Foto zu tracken. Nach 14 Tagen bekommt man zudem ein Schlaftier (z.B. Igel oder Delfin) zugewiesen – eine Spielerei, die kaum Mehrwert bietet.
Die bittere Pille: 10 Euro für einen Chatbot sind schwer zu rechtfertigen. Vor allem, da Nutzer in den USA die KI-Funktionen kostenlos erhalten, wenn sie ohnehin schon Gemini Pro (für 23 Euro monatlich) abonniert haben. Für europäische Nutzer fühlt sich der Aufpreis für die KI wie ein Rohrkrepierer an.
Das Motivations-Defizit
Der größte Kritikpunkt am Fitbit Air ist die fehlende Motivation. Ein Tracker, der nur Daten sammelt, ist das eine; ein Tracker, der zu einem aktiveren Lebensstil anspornt, etwas ganz anderes. Whoop, Garmin und Co. machen hier deutlich mehr Druck. Die Tagesform-Werte des Fitbit (Erholung) wirken oft undifferenziert und beliebig. Eine Wochenbelastung zu berechnen, verleitet zudem dazu, am Montag zu übertrieben und den Rest der Woche nichts mehr zu tun. Hier fehlt die intelligente, individuelle Anleitung.
Fazit
Das Google Fitbit Air ist ein Tracker für die Massen. Es ist leicht, unauffällig, hat eine überragende Akkulaufzeit und bietet – nicht zuletzt dank der EU-Datenschutzgesetze – eine Menge an Funktionalität komplett ohne Abo. Für 99 Euro einmalig ist es die Empfehlung für alle, die einen einfachen, zuverlässigen Überblick über ihre Vitalwerte suchen, ohne sich in Abo-Fallen verstricken zu wollen.
Wer jedoch auf der Suche nach dem ultimativen Motivator ist, tiefe Datenanalysen braucht oder präzise Schrittzählung erwartet, wird mit Whoop oder Garmin glücklicher. Das Fitbit Air sammelt exzellent Daten, überlässt die Konsequenzen daraus aber komplett dem Nutzer.
Quelle: iKnowReview