Wer sich als Laie oder Eltern von jungen Gamern auf der Suche nach einem bezahlbaren PC im Online-Handel umsieht, stößt oft auf verlockende Angebote. Doch der Schein trügt. Das YouTube-Format #GamingSchrott von HardwareDealz hat einen sogenannten „Entry Gaming PC“ für knapp 470 Euro bei OTTO gekauft und auf Herz und Nieren geprüft. Das ernüchternde Fazit vorab: Hier werden mit aggressiven Marketing-Begriffen wie „ultimative Performance“ und „hochwertige Komponenten“ technisch völlig veraltete und unzureichende Bauteile an ahnungslose Käufer verscherbelt.
Die harten Fakten: Ein Reaktor aus der Steinzeit
Das Kernproblem des PCs offenbart sich bereits bei den Spezifikationen: An Bord arbeitet ein AMD Ryzen 5 5500 als Prozessor, begleitet von einer Nvidia GeForce GT 710 mit 2 GB Grafikspeicher sowie lediglich 8 GB DDR4-RAM. Ein 512 GB SSD-Laufwerk rundet das Paket ab. Auf dem Papier klingt das für Laien vielleicht solide, in der Praxis ist es ein technischer Albtraum.
Besonders die Grafikkarte ist ein absolutes No-Go für das Jahr 2024. Die GT 710 basiert auf der Kepler-Architektur, ist über zehn Jahre alt und passiv gekühlt. Sie ist nicht nur inkompatibel mit modernen Spielen, sondern sogar langsamer als die integrierten Grafikeinheiten (iGPUs) aktueller Prozessoren. Wer diesen PC kauft, zahlt für eine Grafikkarte, die den PC aktiv ausbremst. Hinzu kommt die falsche Produktbeschreibung: OTTO bewirbt den Speicher der GT 710 als „GDDR3“, tatsächlich verbaut ist jedoch deutlich langsamerer DDR3-Speicher.
Auch der Arbeitsspeicher ist ein Flaschenhals. 8 GB RAM sind für moderne Spiele schlichtweg nicht mehr ausreichend, da Windows allein bereits fast 4 GB beansprucht. Das Resultat sind massive Ruckler und teils halbierte Frameraten. Um das Chaos zu perfektionieren, ist das RAM-Modul als Single-Channel bestückt, was die Speicherbandbreite noch einmal halbiert.
Der Ryzen 5 5500 und die Aufrüst-Falle
Der verbaute AMD Ryzen 5 5500 mag auf den ersten Blick vernünftig klingen, entpuppt sich jedoch als adaptierte Mobile-CPU mit nur 16 MB L3-Cache. Im Vergleich zum Ryzen 5 5600 (32 MB Cache) bedeutet das im Gaming-Bereich spürbare Performance-Einbußen von bis zu 40 Prozent.
Die wohl größte Frechheit ist jedoch die Aufrüstbarkeit. Ein gütiges MSI B550-A Pro Mainboard und ein solides Be Quiet 450W Netzteil lassen Hoffnung aufkeimen, den PC später mit einer besseren Grafikkarte aufzuwerten. Doch der Ryzen 5 5500 unterstützt nur PCI Express 3.0. Moderne Grafikkarten benötigen jedoch PCIe 4.0 oder 5.0, um ihre volle Bandbreite zu entfalten. Wer hier aufrüstet, wird durch einen PCIe-Bottleneck ausgebremst. Der PC ist somit für die Zukunft totgebucht.
Verbrauchertäuschung als Geschäftsmodell?
Neben der mangelhaften Hardware punktet der PC auch mit falschen visuellen Versprechen. Das Produktbild auf der OTTO-Website zeigt einen Cardreader und ein optisches Laufwerk – beides ist im gelieferten Gerät schlichtweg nicht vorhanden. Die Produktbeschreibung suggeriert mit Begriffen wie „hochwertige Komponenten für Gaming-Einsteiger“ eine Leistung, die technisch unmöglich ist.
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr ein systematisches Problem im Elektronik-Einzelhandel: Unwissenheit wird ausgenutzt. Ahnungslose Käufer vertrauen auf die Aussagen großer Handelsplattformen und erhalten stattdessen elektronischen Schrott, der nicht einmal für niedrige Grafikeinstellungen in alten Titeln taugt.
Fazit
Knapp 470 Euro für einen PC auszugeben, dessen Grafikkarte ein 12 Jahre altes Relikt ist, dessen RAM nicht für das Betriebssystem ausreicht und dessen Aufrüstung durch technische Limitierungen blockiert wird, ist ein schlechtes Geschäft. Wer einen Gaming-PC sucht, sollte sich im Vorfeld informieren, Fachhändler bevorzugen oder auf den Eigenbau setzen. Dieser OTTO-PC ist keine Empfehlung für Einsteiger, sondern eine lehre Abzocke.
Quelle: HardwareDealz