Wenn der Basteltraum auf das chinesische Warenhaus trifft
Der YouTube-Kanal HardwareDealz hat in seinem aktuellen Video einen echten Exoten auf dem Schreibtisch stehen: einen Gaming-PC, der nicht nur optisch aus der Reihe tanzt, sondern auch eine sehr spezifische Hardware-Kombination bietet. Das Gehäuse kommt im Design des populären Action-RPGs Genshin Impact daher und verspricht durch extrem ausgefallene RGB-Beleuchtung und Leuchtschläuche einen echten Wow-Effekt auf dem LAN-Party-Schreibtisch. Doch der Schein trügt – oder zumindest bedarf er einer genauen technischen Analyse.
Die Besonderheit vorab: Sämtliche Komponenten wurden seinerzeit über den Marktplatz AliExpress bezogen. Der Preis für diesen optisch wilden Basteltraum lag bei knapp 1.000 Euro. Eine Summe, die bei genauerem Hinsehen auf dem Papier einige Fragezeichen aufwirft.
Die inneren Werte: Server-Hardware trifft Mid-Range-Gaming
Wenn es um die Leistung geht, hält der PC ein paar Überraschungen bereit, die vor allem erfahrene PC-Bauer stutzig machen werden. Im Zentrum des Systems werkelt ein Intel Xeon E5-2680 V4. Hierbei handelt es sich um einen Prozessor aus dem Server- und Workstation-Segment, der auf der Broadwell-EP-Architektur basiert und Ende 2016 auf den Markt kam. Mit 14 Kernen und 28 Threads klingt das auf den ersten Blick nach einem absoluten Multitasking-Monster. Doch wie so oft im Leben zählt im Gaming-Umfeld nicht nur die pure Kernanzahl.
Die Single-Core-Performance dieses Xeon-Prozessors ist nach heutigen Maßstäben als eher schwach einzustufen. Moderne Spiele, und dazu zählt auch Genshin Impact, profitieren in der Regel von schnellen Taktungen und einer starken Single-Core-Leistung,而非 von einem Dutzend langsamer Server-Kerne. Die Wahl dieser CPU ist ein klassischer Fall von „mehr ist nicht unbedingt besser“. Solche Xeon-Prozessoren sind auf dem Gebrauchtmarkt für einen Bruchteil ihres ursprünglichen Preises zu haben – ein Faktor, der bei der AliExpress-Bestellung sicher eine Rolle gespielt hat. Die Kompatibilität und die Performance von günstigen X99-Boards aus China in Kombination mit diesen CPUs sind in der Bastelszene bekannt, oft aber auch für Instabilitäten und BIOS-Probleme berüchtigt.
An der Seite des Xeon arbeitet eine Nvidia GeForce RTX 2060 Super. Eine solide Grafikkarte, die für 1080p-Gaming auch heute noch völlig ausreicht. Sie bietet Hardware-Raytracing und DLSS, ist jedoch ebenfalls kein aktuelles Flaggschiff mehr. Das eigentliche Problem dieses Systems ist jedoch der sogenannte Bottleneck. Der alte Xeon-Prozessor wird die RTX 2060 Super in vielen Szenarien ausbremsen, da er die nötigen Frames nicht schnell genug an die Grafikkarte liefern kann. Ein unbalanciertes System ist hier das Resultat.
Optik versus Funktionalität
Die Kühlung des Prozessors übernimmt eine sogenannte AIO (All-in-One) Wasserkühlung, deren Schläuche leuchtend in das Gehäuse-Design integriert sind. Das sieht – wie im Video betont – „richtig crazy“ aus und sorgt für den gewünschten Gaming-Look. Allerdings sind solche Leuchtschläuche oft reine Optik und bringen keine nennenswerten thermischen Vorteile. Im Gegenteil: AIO-Kühlungen von unbekannten AliExpress-Herstellern haben oft eine geringere Lebensdauer, die Pumpe wird lauter und im schlimmsten Fall kann es durch Materialermüdung zu Lecks kommen, die den gesamten PC zerstören könnten.
Das Design des PCs ist zweifellos ein Hingucker und genau auf die Zielgruppe von Genshin Impact zugeschnitten. Doch bei einem Preis von 1.000 Euro stellt sich die Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Für diese Summe ließe sich heute ein komplett neues System mit einem Ryzen 5 5600 oder Core i5 der 12. Generation und einer RTX 4060 aufbauen – ein Rechner, der in allen Belangen, von der Single-Core-Performance über die Grafikleistung bis hin zur Energieeffizienz und Systemstabilität, diesem AliExpress-Bastelprojekt weit überlegen wäre.
Fazit: Ein Showcase, keine Empfehlung
Der vorgestellte PC von HardwareDealz ist ein spannendes Beispiel dafür, wie weit PC-Enthusiasten für ein individuelles Design gehen. Das Genshin-Impact-Theming und die leuchtenden Schläuche machen das Gerät zu einem echten Unikat. Technisch gesehen ist das System jedoch ein Kompromiss. Die Kombination aus einem veralteten Server-Xeon und einer Mid-Range-GPU von 2019 ist für 1.000 Euro schlichtweg kein gutes Deal. Wer Genshin Impact in vollen Zügen genießen möchte, ist mit einem modernen, ausgewogenen System besser beraten, auch wenn dieses vielleicht nicht ganz so „verrückt“ aussieht.
Quelle: HardwareDealz