Billig-Schnäppchen haben oft einen versteckten Preis. Giftige Schwermetalle in Ohrringen, überhitzende Ladegeräte oder Kinderspielzeug mit toxischen Chemikalien – Verbraucherschützer warnen seit Langem vor den Risiken chinesischer Billig-Plattformen. Nun zieht die EU-Kommission die Konsequenzen und überzieht Temu mit einer satten Geldstrafe in Höhe von 200 Millionen Euro.
Der Grund: Die Brüsseler Behörde hat in einer Untersuchung festgestellt, dass Kund:innen in der EU einem hohen Risiko ausgesetzt sind, auf der Temu-Plattform unwissentlich illegale und unsichere Produkte zu erwerben. Damit verstößt der Konzern gegen zentrale Auflagen des Digital Services Act (DSA). Temu muss die Strafe zahlen und bis Ende August einen detaillierten Plan vorlegen, wie die illegalen Praktiken künftig abgestellt werden.
Strenge Regeln für Very Large Online Platforms
Temu fällt in die Kategorie der sogenannten Very Large Online Platforms (VLOPs). Für diese sehr großen Online-Dienste – zu denen auch Snapchat oder XVideos gehören – gelten deutlich schärfere gesetzliche Bestimmungen als für kleinere Anbieter. Sie müssen regelmäßig und rigoros die Risiken ihrer Angebote bewerten und bei Problemen gegensteuern. Kommen sie dem nicht nach, drohen empfindliche Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Die Einstufung als VLOP ist nicht von der Hand zu weisen. Seit dem Start im Frühjahr 2023 ist das Europa-Geschäft von Temu rasant gewachsen. Vor zwei Jahren verzeichnete der Anbieter monatlich rund 75 Millionen aktive Nutzer:innen in der EU, im ersten Halbjahr 2025 waren es laut eigenen Angaben bereits knapp 116 Millionen. Schätzungen zufolge setzte Temu allein in Deutschland im Vorjahr rund 3,4 Milliarden Euro um. Entsprechend lag das Unternehmen von Beginn an auf dem Radar der Kommission; die aktuelle Untersuchung wurde bereits im Herbst 2024 eingeleitet.
Mangelhafte Risikobewertung und algorithmische Blindheit
Im Zentrum der Kritik steht Temus laxer Umgang mit der Risikobewertung. Zwar hatte der Anbieter 2024 eine solche Bewertung vorgenommen, wie es der DSA vorschreibt. Dabei untersuchte Temu jedoch keine spezifischen Einzelheiten des eigenen Marktplatzes, sondern verließ sich auf allgemeine Brancheninformationen – ein fataler Fehler, der die spezifischen Gefahren des eigenen Geschäftsmodells völlig ausblendete.
Bei verdeckten Testkäufen stieß die EU-Kommission auf alarmierende Befunde: Ein „sehr hoher Anteil“ der getesteten Ladegeräte überstand grundlegende Sicherheitstests nicht. Bei Spielzeug bestand eine hohe Gefahr der Überschreitung von Schwellenwerten für toxische Chemikalien, was eine direkte Gesundheitsgefährdung für Kinder darstellt.
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt betrifft die Empfehlungsalgorithmen der Plattform. Die Kommission moniert, dass Temu nicht ausreichend untersucht hat, ob seine Systeme womöglich die Verbreitung illegaler Produkte algorithmisch begünstigen. Dies ist ein entscheidender Aspekt: Wenn Algorithmen darauf trainiert sind, günstige Produkte mit hoher Click-Wahrscheinlichkeit zu pushen, begünstigen sie strukturell Anbieter, die durch Preisunterbietung auffallen – oft eben durch den Verzicht auf teure Sicherheitsstandards.
Die Tech-Strategie: Kooperieren, dann klagen
Temus Reaktion folgt einem bekannten Muster aus dem Tech-Sektor. Zunächst reagierte der Konzern zurückhaltend und betonte, man habe während des gesamten Prozesses „konstruktiv mit der Kommission zusammengearbeitet“. Einen Beschluss nehme man zur Kenntnis und prüfe „alle verfügbaren Optionen“.
In einer späteren Stellungnahme zeigte Temu dann deutlicher die Zähne: Man sei mit der Entscheidung nicht einverstanden und halte die Geldbuße für unangemessen. Die Kommission beziehe sich auf die DSA-Bewertung aus dem Jahr 2024, die nicht den aktuellen Stand der Systeme widerspiegele. Seitdem habe man „weitere Schritte unternommen, um die Risikobewertung, die Plattform-Governance sowie den Schutz von Nutzer:innen zu stärken“. Ob diese Nachbesserungen ausreichen, um die strukturellen Probleme eines Marktplatzes mit Millionen von Drittanbietern in den Griff zu bekommen, darf jedoch bezweifelt werden.
Der DSA als wirksames Instrument
Temu ist der zweite sehr große Online-Dienst, der offiziell wegen DSA-Verstößen bestraft wird. Im Winter verurteilte die Kommission das soziale Netzwerk X (ehemals Twitter) zu einer Strafe von 120 Millionen Euro wegen Verstößen gegen Transparenzauflagen, fehlender Werbearchive und unzureichendem Datenzugang für Forschende.
Zudem läuft seit Februar eine Untersuchung gegen den Temu-Konkurrenten Shein. Der Fast-Fashion-Marktplatz steht im Verdacht, massenweise illegale Waren – darunter genehmigungspflichtige Waffen oder kinderähnliche Sexpuppen – zu verkaufen. Zudem wird vermutet, dass der Dienst so gestaltet ist, um Nutzer:innen süchtig zu machen.
Neben den DSA-Sanktionen kommt auf Billigimporteure ein weiteres Problem zu: ein strikteres Zollsystem. Bislang ließen sich Pakete im Warenwert von unter 150 Euro zollfrei nach Europa importieren. Ab Juli sollen sie zunächst mit einer Abgabe von drei Euro belegt werden, langfristig soll die Zollbefreiung für Kleinstimporte komplett entfallen. Das greift das fundamentale Geschäftsmodell dieser Plattformen an, das auf extrem günstigen, oft unregulierten Waren aus China basiert.
Fazit: Die 200-Millionen-Strafe gegen Temu ist ein starkes Signal. Der DSA zeigt, dass er mehr als nur ein Papiertiger ist. Die EU macht deutlich, dass Plattformen nicht nur Verantwortung für das haben, was auf ihren Servern passiert, sondern auch für die realen physischen Gefahren, die sie durch unzureichende Kontrolle ihrer Marktplätze und Algorithmen in die EU importieren. Die Frage bleibt, ob Bußgelder allein ausreichen, oder ob erst die Abschaffung der Zollfreibeträge den ungebremsten Fluss an Billig-Ramsch und unsicheren Produkten stoppen wird.
Quelle: Netzpolitik.org