Es ist ein Schritt, der die Tech-Welt einmal mehr an die vergängliche Natur digitaler Güter erinnert: Amazon hat vergangene Woche den Zugriff auf den Kindle Store für 13 ältere E-Reader-Modelle offiziell deaktiviert. Bereits im Vorfeld angekündigt, ist der Schnitt nun Realität. Wer noch eines der betroffenen Geräte aus den Jahren 2007 bis 2012 nutzt, kann fortan keine neuen E-Books mehr kaufen, ausleihen oder auf sein Gerät herunterladen.
Diese Modelle sind betroffen
Die Liste der nicht mehr unterstützten Geräte liest sich wie ein Who's Who der frühen E-Reader-Geschichte. Betroffen sind:
- Kindle (2007)
- Kindle 2 (2009)
- Kindle DX (2009)
- Kindle DX Graphite (2010)
- Kindle Keyboard / Kindle 3 (2010)
- Kindle 4 (2011)
- Kindle Touch (2011)
- Kindle Fire (2011)
- Kindle 5 (2012)
- Kindle Paperwhite (2012)
- Kindle Fire 2 (2012)
- Kindle Fire HD 7 (2012)
- Kindle Fire HD 8.9 (2012)
Was auf den ersten Blick wie eine berechtigte Ausmusterung von Relikten aus der Tech-Steinzeit wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als tiefgreifender Einschnitt in die Nutzungsrechte von Konsumenten.
Die Fakten: Was noch geht und was nicht
Grundsätzlich bleiben die betroffenen Kindle-Geräte nicht völlig funktionslos. Wer bereits E-Books auf dem Gerät gespeichert hat, kann diese weiterhin lesen. Auch das Sideloading – also das Übertragen eigener Dateien per USB von einem PC auf den Kindle – bleibt technisch möglich.
Der entscheidende Haken: Nutzer können keine neuen Inhalte mehr direkt über das Gerät oder den Amazon-Store auf den E-Reader laden. Selbst wenn Sie auf Ihrem PC oder Smartphone ein neues E-Book kaufen und es mit Ihrem Amazon-Konto verknüpfen, wird die Übertragung auf das alte Gerät blockiert. Das Gerät ist damit vom zugehörigen Ökosystem abgeschnitten.
14 Jahre Support: Rechtfertigung oder Ausrede?
Amazon verteidigt den Schritt gegenüber ZDNET mit der schieren Lebensdauer der Geräte: „Diese Modelle wurden mindestens 14 Jahre unterstützt – einige sogar bis zu 18 Jahre –, aber die Technik ist in dieser Zeit einen weiten Weg gegangen, und diese Geräte werden künftig nicht mehr unterstützt. Wir benachrichtigen diejenigen, die sie noch aktiv nutzen, und bieten Werbeaktionen an, um den Übergang zu neueren Geräten zu erleichtern.“
Fakt ist: 14 Jahre Support sind im Konsumentenelektronik-Markt, in dem Smartphones oft nach fünf Jahren aufgegeben werden, ein ungewöhnlich langer Zeitraum. Hardware-technisch sind die alten Kindle-Modelle mit ihren E-Ink-Displays und simplen Prozessoren jedoch oft voll funktionsfähig. Ein E-Reader ist kein leistungsstarkes Tablet, das nach wenigen Jahren an die Grenzen seiner Grafikleistung stößt. Das Lesen von Text erfordert keine High-End-Hardware. Der wahre Grund für die Abschaltung liegt daher weniger in technischen Limitationen, sondern vielmehr in der Weiterentwicklung der DRM-Verschlüsselung (Digital Rights Management) und den geänderten Store-APIs, die Amazon nicht mehr für alte Firmware-Versionen pflegen möchte.
Das eigentliche Problem: Digitales Eigentum
Der Vorfall illustriert ein fundamentales Problem des digitalen Zeitalters. Wenn Sie eine physische Buchhandlung betreten und ein Buch kaufen, gehört es Ihnen. Niemand kann Ihnen nachträglich den Zugang zu diesen Seiten verwehren. Bei digitalen Käufen ist das anders: Sie erwerben kein Eigentum, sondern eine Lizenz zur Nutzung. Und diese Lizenz ist an die Infrastruktur des Anbieters geknüpft.
Wenn Amazon den Store-Zugang kappt, verliert der Nutzer de facto die Möglichkeit, seine in der Cloud liegende Bibliothek auf dem Gerät seiner Wahl zu konsumieren. Das „Werbeangebot“ für ein neues Gerät entpuppt sich dabei als klassisches Muster der Plattform-Ökonomie: Der Kunde wird sanft, aber bestimmt zurück in die Mietwohnung des geschlossenen Ökosystems gedrängt, anstatt sein Eigentum frei nutzen zu können.
Fazit
Wer heute einen E-Reader kauft, sollte sich bewusst sein, dass die Lebensdauer des Geräts nicht von der Haltbarkeit der Hardware, sondern vom Goodwill des Herstellers abhängt. Amazon mag rechtlich im Recht sein, und 14 Jahre Support sind bemerkenswert. Moralisch und konsumentenschutzrechtlich wirft der Vorgang jedoch Fragen auf. Die Abschaltung ist ein erneuter Weckruf: Wer echte Kontrolle über seine digitale Bibliothek behalten will, kommt am Entfernen von DRM und offenen Formaten wie EPUB auf Dauer kaum vorbei.
Quelle: 9to5Mac