Die Streaming-Landschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Konsolidierungsprozess. Nachdem Disney in den vergangenen Monaten bereits erste Funktionen der Hulu-Integration in Disney+ umgesetzt hat, deutet sich nun das endgültige Ende der eigenständigen Hulu-App an. Ein geleaktes internes Dokument, über das Business Insider berichtet, gibt detaillierte Einblicke in Disneys Pläne unter dem Codenamen „Project Gemini“.
Project Gemini: Die Verschmelzung zweier Welten
Laut dem internen Papieren soll die mehrstufige Integration von Hulus Inhalten und Funktionen in die Disney+-Plattform bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein. Das Ziel ist ein einheitliches Streaming-Erlebnis („unified experience“). Sobald diese Migration erfolgreich abgeschlossen ist, wird der Hulu Tech Stack und die dazugehörige App außer Betrieb genommen („decommissioned“).
Drei hochrangige Tech-Mitarbeiter von Disney bestätigen diesen Kurs. Demnach werden dem Hulu-Team mittlerweile massiv Ressourcen entzogen. Ein Veteran im Streaming-Produktmanagement brachte es auf den Punkt: „Hulu steht aktuell auf Life Support, es gibt keine aktive Entwicklung mehr.“ Offiziell hält sich Disney noch bedeckt und spricht davon, dass es „aktuell keine Pläne“ gibt, die Hulu-App einzustellen. Doch das geleakte Dokument malt ein völlig anderes Bild von der Realität hinter den Kulissen.
„Organische Migration“ als PR-Begriff für geplanten Verfall
Besonders interessant ist die Strategie, wie Disney die Nutzer von Hulu zu Disney+ lotsen will. Es wird keine harte Schnittstelle geben, bei der Nutzer von heute auf morgen aus Hulu herausgeworfen werden. Stattdessen setzt Disney auf das, was intern als „organische Migration“ bezeichnet wird. Das klingt nach einem nutzerfreundlichen Ansatz, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als klassisches Playbook der Tech-Branche.
Die Logik dahinter ist simpel: Die Hulu-App soll durch den Entzug von Investitionen schleichend schlechter werden. Bugs werden nicht mehr mit höchster Priorität behoben, neue Features bleiben aus, die Performance wird über die Zeit stagnieren. Gleichzeitig wird Disney+ massiv aufgewertetet und mit neuen Funktionen ausgestattet. Der Nutzer soll also nicht gezwungen werden, sondern durch eine zunehmend frustrierende Erfahrung auf der alten Plattform quasi „freiwillig“ wechseln, weil das alternative Angebot schlichtweg besser funktioniert.
In der Tech-Welt ist dieses Phänomen unter dem Begriff der „Enshittification“ bekannt – die bewusste Verschlechterung eines Produkts zugunsten der Profitmaximierung oder, wie in diesem Fall, zugunsten der Plattformkonsolidierung. Für die Nutzer bedeutet dies eine bewusste Einbuße an Qualität während der Übergangsphase.
Der Weg zur „Super App“
Hinter dem Rückzug der eigenständigen Hulu-App steckt mehr als nur ein Wunsch nach Kosteneinsparung. Die Wartung zweier paralleler Tech-Stacks ist teuer und ineffizient. Doch Disney verfolgt mit der Bündelung aller Inhalte unter einem Dach weitaus größere Ambitionen. Das Unternehmen hat bereits mehrfach angedeutet, eine Art „Super App“ im Streaming-Bereich aufbauen zu wollen.
Eine solche Super App würde nicht nur Filme und Serien bündeln, sondern vielleicht auch interaktive Elemente, E-Commerce (Merchandise direkt aus dem Stream heraus) und tiefgreifendere Personalisierung bieten. Ein zersplittertes Ökosystem mit zwei Apps steht diesem Traum entgegen. Die Integration von Hulu ist daher nur ein logischer, wenn auch schmerzhafter Schritt auf dem Weg zu einer monolithischen Plattform.
Fazit
Die Abschaltung der Hulu-App ist keine Überraschung, sondern die logische Konsequenz einer Strategie, die seit dem Start der „Disney Bundle“ im Gange ist. Dennoch ist die Methode der „organischen Migration“ kritisch zu betrachten. Anstatt den Nutzern einen klaren Schnitt zu kommunizieren und sie mit einem gut begleiteten Übergang ins neue Zuhause zu lotsen, wird Hulu langsam austrocknen gelassen. Das spart Disney zwar kurzfristig Entwicklungsressourcen, beschert den Hulu-Nutzern aber eine sich stetig verschlechternde User Experience. Wenn am Ende des Jahres das „Project Gemini“ abgeschlossen ist, wird nicht nur eine App vom Markt verschwinden, sondern auch ein weiteres Kapitel der fragmentierten Streaming-Ära zu Ende gehen.
Quelle: 9to5Mac