Von Yandex zum Unicorn: ClickHouse bereitet den Börsengang vor
Die Datenbank-Landschaft erlebt derzeit einen gewaltigen Umbruch, angetrieben durch die immensen Datenmengen, die moderne KI-Anwendungen erfordern. Ein Unternehmen, das aktuell besonders profitiert, ist ClickHouse. Der Open-Source-Datenbankanbieter hat laut Mitgründer Yury Izrailevsky einen Meilenstein erreicht: Die Annualized Revenue Run Rate (ARR) hat 250 Millionen Dollar gekreuzt. Damit hat sich das Geschäft im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Bis Ende des Jahres rechnet Izrailevsky sogar mit einem Sprung in die hohen neunstelligen Bereiche.
Diese Wachstumszahlen sind bemerkenswert und lesen sich wie das Lehrbuchbeispiel eines Startups, das den perfekten Nerv der Zeit trifft. Doch hinter den Kulissen zeichnet sich bereits der nächste große Schritt ab: der Börsengang.
Ein CFO von der Konkurrenz und das IPO-Fenster
Dass ClickHouse ernst macht mit den Plänen für den öffentlichen Markt, lässt sich an Personalentscheidungen ablesen. Im vergangenen Herbst wurde Jimmy Sexton als Chief Financial Officer (CFO) ins Boot geholt. Sexton kam direkt von Snowflake – einem der größten Konkurrenten von ClickHouse im Bereich der Cloud-Datenbanken – wo er das Investor-Relations-Team leitete. Die Verpflichtung eines erfahrenen CFOs aus den eigenen Reihen der Konkurrenz ist in der Startup-Welt ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Vorbereitungen für einen IPO in die heiße Phase gehen.
Der Zeitpunkt scheint gut gewählt. Nach einer langen Durststrecke am Tech-Aktienmarkt scheint sich das IPO-Fenster wieder zu öffnen. Der historische Börsengang von SpaceX im Juni, gefolgt von den hochgradig erwarteten IPOs von OpenAI und Anthropic später in diesem Jahr, könnten den Weg für weitere Tech-Listings ebnen. ClickHouse positioniert sich geschickt in dieser Reihe.
Die 15-Milliarden-Frage: Ist die Bewertung gerechtfertigt?
Im Januar dieses Jahres sammelte ClickHouse in einer von Dragoneer Investment Group geführten Series-D-Runde 400 Millionen Dollar ein. Die Bewertung: stolze 15 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Vielfachen von über 60x der aktuellen ARR. In einer Marktphase, in der Investoren wieder stärker auf fundierte Kennzahlen achten, ist das eine steile – und riskante – Zahl.
Zum Vergleich: Snowflake, der Branchenprimus, musste nach seinem fulminanten IPO ebenfalls lernen, dass der Markt extreme Multiples irgendwann auf ein realistischeres Niveau zurechtstutzt. ClickHouse muss beweisen, dass sein Wachstum nicht nur ein kurzfristiger KI-Hype ist, sondern nachhaltig. Die Tatsache, dass die Technologie ursprünglich vor 17 Jahren innerhalb des russischen Suchgiganten Yandex entwickelt wurde, spricht für eine gewisse technologische Reife und Battle-Testung – ein Vorteil, den viele junge KI-Startups nicht vorweisen können.
Strategische Übernahmen: Der Sprung in die KI-Agenten-Infrastruktur
Das Kernprodukt von ClickHouse ist eine auf extrem schnelle analytische Abfragen (OLAP) optimierte Open-Source-Datenbank. Sie wurde entwickelt, um massive Datenvolumen in Millisekunden zu verarbeiten – eine Eigenschaft, die für das Training und die Ausführung von KI-Agenten unverzichtbar ist. Doch das Unternehmen ruht sich nicht auf seinem Kern-Produkt aus.
Mit der Übernahme von sechs Startups hat ClickHouse sein Portfolio strategisch erweitert. Die prominenteste Akquise ist Langfuse, eine Plattform, die Entwicklern hilft, das Verhalten und die Performance von KI-Agenten zu tracken und zu evaluieren. Diese Integration macht ClickHouse von einer reinen Datenbank zu einem essentiellen Teil der KI-Infrastruktur. Izrailevsky kündigte bereits an, dass das Unternehmen weiter auf Übernahmeprobe gehen wird, gezielt nach jungen Open-Source-Startups, die das eigene Ökosystem sinnvoll ergänzen.
Das Paradoxon des Open-Source-Geschäftsmodells
Ein besonders spannender Aspekt im Geschäftsmodell von ClickHouse ist die Monetarisierung. Die Datenbank selbst ist Open-Source, das Geld verdient das Unternehmen mit verwalteten Cloud-Services. Izrailevsky behauptet dabei etwas, das auf den ersten Blick kontraintuitiv klingt: Die kommerzielle Cloud-Lösung koste die Kunden am Ende weniger, als wenn sie die Open-Source-Version selbst hosten würden.
In der Praxis ist diese Rechnung oft tatsächlich aufgegangen, da die versteckten Kosten für Engineering-Ressourcen, Skalierung und Wartung bei Self-Managed-Lösungen massiv unterschätzt werden. Für ClickHouse ist dieses Narrativ jedoch ein gewaltiger Rückenwind, um Enterprise-Kunden wie Anthropic, Meta oder Capital One in die eigene Cloud zu locken und dort an die wiederkehrenden Einnahmen zu binden.
Fazit: Ein Startup auf Überholspur mit offenen Fragen
ClickHouse hat eine beeindruckende Transformationsreise hinter sich: Von einer internen Lösung bei Yandex zu einem 15-Milliarden-Dollar-Schwergewicht, das den Börsengang anpeilt. Die Ausrichtung auf KI-Agenten und die strategischen Übernahmen wie Langfuse sind kluge Schachzüge, um sich als unverzichtbare Infrastruktur im KI-Zeitalter zu etablieren.
Dennoch bleibt die Frage, ob die extreme Bewertung von 60x ARR im rauer werdenden Marktumfeld Bestand haben wird. Wenn ClickHouse den IPO in den nächsten Jahren durchzieht, wird der Markt unerbittlich prüfen, ob die Wachstumsstory trägt. Die Zeichen stehen jedoch gut: Mit über 4.000 Kunden und einer Technologie, die genau den Schmerzpunkt heutiger Datenarchitekturen trifft, ist ClickHouse mehr als nur ein Mitläufer im KI-Boom.
Quelle: TechCrunch