C
KI

KI statt Neueinstellungen: Wie Remote sein Wachstum neu definiert

Das Payroll-Startup Remote verzeichnet 50 % mehr Umsatz pro Mitarbeiter – ohne neuen Personalzuwachs. Der Grund? KI auf allen Ebenen. Ein Blick auf das Betriebsmodell der Zukunft.

CR
Codekiste Redaktion27. Mai 2026

Das alte Start-up-Mantra lautete: Wachstum kostet Köpfe. Wer seinen Annual Recurring Revenue (ARR) verdoppeln will, muss auch die Belegschaft in etwa verdoppeln. Das Amsterdamer Payroll-Startup Remote stellt diese Rechnung eindrucksvoll in Frage. Das Unternehmen hat kürzlich die Marke von 300 Millionen USD ARR überschritten, ist Cash-flow-positiv – und das, ohne einen einzigen neuen Mitarbeiter einzustellen. Der treibende Faktor dahinter ist laut CEO Job van der Voort die flächendeckende Integration von Künstlicher Intelligenz.

Der CEO als KI-Power-User

Van der Voort macht bei der Nutzung von KI keine Ausnahmen. Wie er gegenüber TechCrunch verriet, laufen auf seinem Laptop routinemäßig fünf Instanzen von Anthropic's Claude parallel, die verschiedene Aufgaben übernehmen – einige privat, viele für Remote. Das Spektrum reicht von einem Slack-Agenten, der Diskussionen zusammenfasst, bis hin zu ersten Experimenten mit agentic AI. Das Ergebnis: Remote erwirtschaftet heute 50 Prozent mehr Umsatz pro Mitarbeiter als zuvor, ohne dass die Kopfzahl gestiegen ist.

Doch die KI-Revolution bei Remote beschränkt sich nicht auf den Schreibtisch des CEOs oder die Engineering-Abteilung. Das Unternehmen hat mit Remote Labs einen internen Marktplatz geschaffen, auf dem Mitarbeiter aller Abteilungen KI-gestützte Apps entwickeln und teilen können. Diese interne Infrastruktur bildet nun auch die Grundlage für externe Angebote.

Vom Tool zur Infrastruktur: Remote Build und MCP

Während viele HR-Tech-Konkurrenten den Weg des „All-in-One“-Plattformen gingen, blieb Remote bei seinem Kern: Payroll und Compliance. Eine strategische Entscheidung, die im Zeitalter der KI-Commoditisierung von Software aufgeht. Anstatt eine riesige Benutzeroberfläche zu bauen, macht Remote sein System für KI-Agenten zugänglich.

Mit Remote Build stellt das Unternehmen sogenannte „forward-deployed engineers“ zur Verfügung, die direkt bei Kunden und Interessenten KI-Workflows aufbauen. Noch spannender ist jedoch die Einführung von Remote MCP. Das Model Context Protocol ist ein aufstrebender Standard, der es KI-Agenten ermöglicht, sicher mit externer Software zu interagieren. Über diese Schnittstelle können Plattformen wie BambooHR oder Workday Remote als unsichtbaren Motor im Hintergrund nutzen.

„Wenn du ChatGPT oder Claude nutzt, kannst du Remote komplett steuern; du musst gar nicht mehr mit unserer Plattform interagieren“, erklärt van der Voort. Eine provokante These: Das Unternehmen verschwindet freiwillig hinter der KI-Schnittstelle. Der CEO selbst testet dies bereits mit seinem Open-Source-Assistenten „Jim“, der sicher auf Remote-Daten zugreift, ohne destruktive Aktionen ausführen zu können.

85 Prozent KI-Code – und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Die internen Effizienzgewinne sind beachtlich. Wie bei Spotify hat auch bei Remote das KI-gestützte Coding Einzug gehalten. Die Code-Beiträge der Engineers stiegen im letzten Jahr um über 60 Prozent. Im letzten Monat soll sogar ein Anteil von 85 Prozent des gesamten Codes von KI geschrieben worden sein.

Hier muss journalistisch allerdings ein kritischer Blick geworfen werden: Was genau zählt als „von KI geschrieben“? Sind es komplette Applikationen oder doch eher Autocompletions und Boilerplate-Code, der ohnehin automatisiert wurde? Start-ups neigen dazu, solche Metriken gern als Marketing-Instrument zu nutzen, um sich als Vorreiter der KI-Revolution zu positionieren. Unabhängig verifiziert wurden die Zahlen von Remote nicht.

Dennoch bleibt die reale Konsequenz: Remote hat seinen Einstellungsstopp nicht als Kündigungswelle formuliert, sondern als „aufgeschobene Neueinstellungen“. Man wolle abwägen, ob man wirklich mehr Leute brauche oder lieber in das Upskilling der bestehenden Belegschaft und in KI-Lizenzen investiere. Das ist eine Blaupause, die aktuell viele Tech-Unternehmen beschäftigt. Wenn jedes Unternehmen die Produktivität pro Kopf um 50 Prozent steigert, ohne neue Jobs zu schaffen, verschiebt sich der Arbeitsmarkt für Tech-Talente fundamental.

Fazit: Das Ende des linearen Skalierens

Remote liefert einen der klarsten Datenpunkte dafür, wie KI das Betriebsmodell von Tech-Unternehmen grundlegend verändert. Mehr Umsatz pro Mitarbeiter, verschobene Einstellungspläne und eine wachsende Produkt-Oberfläche ohne proportionales Kopfzahl-Wachstum – das ist das neue Paradigma.

Van der Voort fasst es pragmatisch zusammen: Die Ausgaben für KI steigen, aber da das Unternehmen als Ganzes effizienter werde, sei dieser finanzielle Spielraum absolut vertretbar. Die Botschaft an die Branche ist eindeutig: Wer in Zukunft wachsen will, muss nicht zwingend mehr Menschen einstellen, sondern muss seine bestehenden Mitarbeiter in die Lage versetzen, mit KI-Agenten zusammenzuarbeiten. Das macht die Arbeit für viele – wie van der Voort sagt – „arguably more fun“, verlangt aber auch eine radikale Neubewertung dessen, was Skalierung im Jahr 2026 überhaupt bedeutet.


Quelle: TechCrunch

QUELLEN
TechCrunch AI
Pro-Feature

Melde dich an und werde Pro-Mitglied, um dieses Feature zu nutzen.

Anmelden
CR
Codekiste Redaktion

Automatisierte Content-Kuratierung für tech-news.

Kommentare

WEITERLESEN
KI

"AI Psychosis": Wenn CEOs die Realität der Arbeit verlieren

KI

Groq sammelt 650 Millionen: Neustart nach dem 20-Milliarden-Deal mit Nvidia

KI

Wer owns die KI? Das Problem der Verantwortungslücke in Unternehmen