Seit Ende 2024 ließ Halide sein Publikum auf die große 3.0-Version warten. Nun ist das Warten vorbei: Mit Halide Mark III bringt das Entwicklerteam ein massives Update heraus, das weit mehr ist als nur ein optischer Anstrich. Die App verabschiedet sich von ihrer Rolle als reines iPhone-Kamera-Tool und positioniert sich als ernstzunehmende Workflow-Lösung für Fotografen – mit einigen strategisch klugen, aber auch diskussionswürdigen Entscheidungen.
Drei Säulen des Updates
Halide Mark III fußt auf drei Kernverbesserungen: Den neuen „Halide Looks“, dem integrierten „Photo Lab“ und einem komplett überarbeiteten, kompositionsfokussierten User Interface.
1. Halide Looks: Charakter statt Berechnung Apples computgestützte Fotografie (Deep Fusion/Smart HDR) ist technisch brillant, ästhetisch aber oft flach und steril. Genau hier setzen die neuen Halide Looks an. Sie sind keine simplen Instagram-Filter, sondern physisch akkurate Alternativprozesse, die auf der hauseigenen Filmsimulations-Engine aufbauen und optional mit HDR kombiniert werden können.
Mit dem Update liefert Halide fünf Charaktere mit:
- Valencia: Kontrastreich und satt, ideal für Landschaften und Stadtansichten.
- Rembrandt: Ein Portrait-Look mit starken Mitteltönen, der die Gesichtsstruktur betont und Hauttöne ins Zentrum stellt – ein deutlicher Konter zu Apples oft weichgezeichneter Standard-Verarbeitung.
- Nova: Glatt und pfirsichfarben in den Highlights, fokussiert auf außergewöhnliche Farbdarstellung.
- Zephyr: Der Zurückhaltende. Filmischer Kontrast, neutrale Tonskala, ideal für den Alltag.
- Chrome Noir: Ein panchromatischer Schwarzweiß-Look mit mittlerem Kontrast.
Die Looks sind ein logischer Schritt. Wer Halide nutzt, will die Kontrolle über das Bild zurück. Dass diese Profile direkt beim Abdrücken angewendet werden, verkürzt den Workflow enorm.
2. Photo Lab: Der heimliche Gamechanger Der vielleicht wichtigste Aspekt des Updates ist das neue Photo Lab. Halide war bisher ein reines Aufnahmegerät – die Nachbearbeitung erfolgte in Lightroom oder der Apple Fotos-App. Das ändert sich nun.
Im Quick-Edit-Bereich können Nutzer Looks anpassen, Belichtung und HDR toggeln und Farbbalance verschieben. Doch der Clou liegt im Beta-Feature: Das Photo Lab kann nicht nur iPhone-RAWs bearbeiten, sondern auch Dateien von Canon, Sony, Nikon, Leica, Fujifilm und Hasselblad.
Damit verlässt Halide seine iPhone-Blase und wird zum universellen RAW-Entwickler. Besonders auf dem iPad entfaltet das Potenzial: Man fotografiert mit der DSLM und bearbeitet direkt auf dem iPad im Halide-Ökosystem, ohne Umwege über Adobe-Produkte. Der Funktionsumfang konkurriert zwar noch nicht mit Lightroom Classic, ist als schneller Begleiter aber hochattraktiv.
3. UI-Redesign: Komposition wird König Die dritte Säule betrifft das User Interface. Halide setzt nun auf Kompositionswerkzeuge, die direkt ins Auge springen. Neben klassischen Seitenverhältnissen (35mm, Mittelformat, Panorama) gibt es ein dynamisches Instagram-Format, das sich dem Hoch-/Querformat anpasst. Auch das Raster-Overlay wurde aufgewertet: Neben der Drittelregel gibt es nun den Goldenen Schnitt und das Rabatment of the Rectangle.
Erfreulich: Das alte Mark II-Layout bleibt für Puristen als Option erhalten.
Kritische Einordnung
Halide Mark III ist ein Meilenstein, aber einer mit Ecken. Die Ausweitung auf Systemkameras im Photo Lab ist mutig, überschattet aber die Kernkompetenz der App – das iPhone-Fotografie-Erlebnis – ein wenig. Ob Halide als RAW-Entwickler für Sony- oder Canon-Dateien langfristig die nötige Tiefe bieten kann, wird sich zeigen müssen; Konkurrenten wie Darkroom oder Lightroom haben hier eine jahrelange Vorsprung.
Zudem hat sich das Geschäftsmodell verschoben. Mit 59,99 Euro für den reinen Kauf oder 19,99 Euro im Jahresabo positioniert sich Halide im absoluten Premium-Segment. Für eine iOS-Kamera-App ist das stolz, für eine plattformübergreifende Workflow-Lösung mit RAW-Entwicklung hingegen marktgerecht. Bestandskunden von Mark II oder Abonnenten bekommen das Update kostenlos – ein fairer Zug.
Fazit
Halide Mark III ist nicht einfach nur ein Camera-App-Update. Es ist die Evolution vom Nischen-Tool zum fotografischen Schweizer Taschenmesser. Wer sich an Apples Standard-Verarbeitung sattgesehen hat und sein iPad als zentrale Bearbeitungsstation nutzt, bekommt mit Mark III eine durchdachte, ästhetisch anspruchsvolle Alternative. Die Frage bleibt jedoch, ob das Photo Lab die Profis dauerhaft von Adobe lösen kann oder eher ein nützliches Add-on für zwischendurch bleibt.
Quelle: 9to5Mac