Ein Streit mit Signalwirkung spitzt sich in den USA zu: Apple wird im kommenden Monat drei seiner Retail-Stores schließen, darunter den Standort im Towson Town Center in Maryland. Was auf den ersten Blick wie eine routinemäßige Anpassung der Vertriebsstrategie an sinkende Besucherzahlen in Einkaufszentren wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als potenzieller Zankapfel zwischen dem Tech-Giganten und der Arbeitswelt. Denn der Apple Store in Towson ist historisch – er war der erste Apple-Standland in den USA, dessen Belegschaft sich gewerkschaftlich organisiert hat.
Gleiche Schließung, ungleiche Bedingungen
Apple begründet die Schließung der drei Filialen (neben Towson auch North County in Escondido, Kalifornien, und Trumbull in Connecticut) mit „dem Weggang mehrerer Einzelhändler und den sich verschlechternden Bedingungen“ in den jeweiligen Einkaufszentren. Ein nachvollziehbarer wirtschaftlicher Grund, der im US-amerikanischen Einzelhandel leider keine Seltenheit mehr ist.
Der Haken an der Sache: Während die Mitarbeiter in den nicht-gewerkschaftlichen Stores in Kalifornien und Connecticut offenbar breitere Transfer- und Umzugsoptionen angeboten bekommen, um in andere Apple-Stores zu wechseln, werden die gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter in Towson anders behandelt. Apple verweist hier auf den geltenden Tarifvertrag, der lediglich Transfers innerhalb eines Radius von 50 Meilen vorsieht. Wer darüber hinaus möchte, bekommt lediglich eine Abfindung. Die IAM Union (International Association of Machinists and Aerospace Workers) sieht darin gezielte Diskriminierung. Der Vorwurf: Apple nutze die Schließung, um gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer gegenüber ihren nicht-organisierten Kollegen zu benachteiligen – ein klassischer Abschreckungsmechanismus.
Proteste und politischer Druck
Dieser Vorwurf ist brisant. Gemeinsam mit lokalen Politikern aus Maryland, Bürgerrechtsgruppen und Arbeitsrechtlern hat die IAM Union am gestrigen Dienstag vor dem Store in Towson protestiert. Die Bildsprache der Demonstranten war dabei ebenso smart wie treffend: Sie hielten Schilder hoch, die ein iPhone mit einem leeren Batterie-Symbol zeigten, begleitet von der Aufschrift „Apple’s respect for workers 1%“.
David Sullivan, IAM Eastern Territory General Vice President, sprach bei der Kundgebung deutliche Worte: „Wir wissen, wie das aussieht, wenn ein Konzern versucht, ein Exempel an Arbeitern zu statuieren, die es wagten, am Tisch mitzureden. Wir kennen dieses Playbook. Wir haben es schon oft gesehen und schon oft besiegt. (...) Apple ist nicht der erste mächtige Arbeitgeber, der versucht, den Geist von organisierten Arbeitern zu brechen. Aber sie werden von uns hören – heute, vor dem National Labor Relations Board (NLRB) und jeden einzelnen Tag, bis Gerechtigkeit für die Mitarbeiter dieses Stores herrscht.“
Die strategische Dimension
Aus journalistischer Sicht stellt sich hier die zentrale Frage: Handelt es sich um eine unglückliche Überschneidung von Tarifvertragsklauseln und wirtschaftlichen Entscheidungen, oder wendet Apple hier gezielt das „Union-Busting“-Playbook an?
Die Faktenlage liefert Argumente für Letzteres. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Apple den Zulauf zu Gewerkschaften in seinen Retail-Stores historisch mit großer Skepsis begegnet. Indem der Konzern nun den Tarifvertrag in Towson wörtlich nimmt und die Mitarbeiter auf die 50-Meilen-Regelung verweist, während nicht-organisierte Kollegen in denselben Schließungs-Filialen wohlwollendere Optionen erhalten, schafft Apple eine paradoxe Situation: Die Gewerkschaft, die eigentlich bessere Bedingungen erkämpfen sollte, wird durch ihre eigene Verhandlungsmasse zum Nachteil für die Mitarbeiter in einer Krisensituation. Das sendet ein verheerendes Signal an andere Apple-Mitarbeiter im Land, die über eine Organisierung nachdenken.
Zudem ist die Schließung eines Stores wegen „sinkender Bedingungen“ im Einkaufszentrum ein klassisches Argument, das juristisch schwer anfechtbar ist. Selbst wenn die NLRB, wie von der IAM Union angedroht, Ermittlungen aufnimmt, wird es schwer nachzuweisen, dass die Schließung primär anti-gewerkschaftlich motiviert war. Apple hält sich hier rechtlich im Rahmen, agiert moralisch und politisch jedoch auf dem schmalen Grat der Arbeitnehmerfeindlichkeit.
Apple selbst hat sich bislang nicht zu den Protesten geäußert – eine Strategie des Schweigens, die in solchen hochsymbolischen Konflikten oft mehr aussagt als jede Pressemitteilung. Der Juni, in dem die Türen in Towson endgültig schließen sollen, wird zeigen, ob der Druck der Politik und der Öffentlichkeit ausreicht, um Apple zu einem Kurswechsel bei den Transfer-Bedingungen zu bewegen. Bis dahin bleibt das Bild des Tech-Konzerns mit der 1-Prozent-Batterie ein treffendes Symbol für den aktuellen Zustand der Arbeitsbeziehungen in Apples Retail-Imperium.
Quelle: 9to5Mac