Die Euphorie um Künstliche Intelligenz hat in den Chefetagen der Tech-Welt einen Punkt erreicht, der zunehmend kritisch hinterfragt wird. In einer aktuellen Episode des TechCrunch Equity Podcasts diskutierten Kirsten Korosec, Anthony Ha und Sean O'Kane ein Phänomen, das die Branche aktuell spaltet: Was passiert, wenn Unternehmen zu sehr „AI-pilled“ werden? Der Begriff – angelehnt an die Internet-Slang-Redewendung „taking the red pill“ – beschreibt Entscheidungsträger, die so sehr an die allmächtige Transformation durch KI glauben, dass sie den Bezug zur Realität verlieren.
Die Diagnose: „AI psychosis“
Aaron Levie, Gründer und CEO von Box, brachte es in einem kürzlichen Interview auf den Punkt: Die Leute, die am lautesten fordern, dass KI Arbeitsplätze ersetzen muss, sind oft dieselben, die am wenigsten verstehen, was diese Arbeitsplätze überhaupt beinhalten. Levie nennt dieses Phänomen „AI psychosis“ – eine Art KI-Psychose. Es ist die blinde Überzeugung, dass ein Sprachmodell komplexe, menschliche Erfahrungs- und Fachwissen jahrelanger Arbeit ohne Qualitätsverlust ersetzen kann. Diese Entfremdung der C-Ebene von der operativen Basis führt zu Entscheidungen, die auf PowerPoint-Folien gut aussehen, in der Praxis aber massive Lücken reißen.
ClickUp und der Trend zu KI-Entlassungen
Ein aktuelles, drastisches Beispiel für diese Entwicklung liefert das SaaS-Unternehmen ClickUp. Das Unternehmen entließ kürzlich rund 22 Prozent seiner Belegschaft. Der Grund? Man wolle durch sogenannte „AI agents“ ersetzen, was zuvor Menschen taten. Diese Meldung reiht sich ein in eine beunruhigende Trendwelle: Die KI-bedingten Entlassungen in der Tech-Branche erreichen laut aktuellen Berichten beinahe das Niveau des gesamten Vorjahres.
Doch hier muss kritisch nachgefragt werden: Sind diese KI-Agenten wirklich schon so weit, dass sie ein Fünftel der Belegschaft adäquat ersetzen können? Oder wird KI in diesem Fall vielmehr als willkommener Vorwand genutzt, um in einem ohnehin schwierigen Marktumfeld schlichtweg Kosten zu sparen? Die Gefahr ist groß, dass Unternehmen hier die Fähigkeiten von KI überschätzen und den Wert menschlicher Kontextarbeit unterschätzen. Ein AI Agent kann Aufgaben automatisieren, aber er hat keinen Intrinsinn für Unternehmenskultur, keine Empathie für Kundenprobleme und keinen Ehrgeiz, sich über den Tellerrand hinaus zu entwickeln.
Die Gegenreaktion: Nutzer fordern das Internet zurück
Während die Unternehmen also im Eiltempo KI in ihre Produkte zwingen, formiert sich auf der Nutzerseite zunehmend Widerstand. Ein Paradebeispiel dafür ist Google Search. Die Suchmaschine versucht aktuell mit aller Kraft, KI-Summary-Funktionen in die Ergebnisse zu pressen – oft zum Ärger der Nutzer, die schlichtweg nach konkreten Quellen und Links suchen, anstatt nach einer KI-generaten Zusammenfassung, die nicht selten halluziniert.
Die Konsequenz dieser „AI-first“-Zwangsbeglückung ist messbar: DuckDuckGo verzeichnet stark steigende Installationszahlen. Die Nutzerabwanderung ist kein Zufall, sondern ein Protest. Es ist die Rückeroberung der Nutzerhoheit. Die Botschaft lautet: Gebt mir meine Links zurück, lasst mich selbst denken. Das ist ein deutlicher Warnruf an alle Product Manager: KI-Features, die nicht echten Nutzerbedürfnisse lösen, sondern nur dem Hype folgen, werden abgestraft.
Wenn beide Seiten recht haben
Die spannendste Erkenntnis aus der Equity-Diskussion ist jedoch: Sowohl die „AI-pilled“ als auch die KI-Skeptiker haben aktuell gleichzeitig recht. Wie geht das zusammen?
Die Euphoriker haben recht, weil KI tatsächlich fundamentale Veränderungen bringt. Waymo schickt mittlerweile neue Robotaxis auf die Straße, und in vielen Bereichen der Programmierung, Datenanalyse und Texterstellung ist KI ein unbestreitbarer Produktivitäts-Booster. Die Technologie ist real und disruptiv.
Die Skeptiker haben aber genauso recht, weil die Implementierung oft katastrophal ist, die Technologie in vielen Alltagsanwendungen überflüssig wirkt und die menschlichen Kosten – in Form von Entlassungen und entfremdeter Arbeit – momentan überwiegen.
Fazit: Nüchternheit statt Psychose
Die Tech-Branche muss sich von der „AI psychosis“ heilen. Das bedeutet nicht, KI zu ignorieren, sondern sie pragmatisch und dort einzusetzen, wo sie echten Mehrwert schafft – nicht als Wunderwaffe, um menschliche Komplexität billig zu umschiffen. Wer als Führungskraft KI-Agenten als 1:1-Ersatz für Mitarbeiter deklariert, hat den Job dieser Mitarbeiter wahrscheinlich nie verstanden. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Nutzer mit ihren Füßen abstimmen und sich ein neues Gleichgewicht einpendelt. Bis dahin gilt für Entscheider: Abkapseln vom Hype, auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und den Unterschied zwischen einem KI-Feature und einer echten Lösung lernen.
Quelle: TechCrunch