Wie ComputerBase in seiner Serie "Im Test vor 15 Jahren" berichtet, sorgte der taiwanische Grafikkartenhersteller PowerColor im Januar 2011 für Aufsehen im PC-Enthusiasten-Lager. Mit der Radeon HD 6950 PCS++ brachte das Unternehmen eine Grafikkarte auf den Markt, die offiziell und ohne Garantieverlust zur leistungsstärkeren Radeon HD 6970 freigeschaltet werden konnte – ein in der Branche bis dato einmaliges Experiment, das an die wilde Zeit des BIOS-Moddings erinnerte, jedoch vollständig legal und vom Hersteller abgesegnet war.
Der magische Schalter: Dual-BIOS mit Upgrade-Garantie
Das Herzstück der PowerColor Radeon HD 6950 PCS++ war ein mechanischer Schalter auf der Platine, der zwischen zwei BIOS-Chips umschalten konnte. Während Position 1 die Grafikkarte als reguläre Radeon HD 6950 mit 1.408 aktiven Shader-Einheiten und 800 MHz GPU-Takt betrieb, aktivierte Position 2 ein spezielles BIOS, das die zuvor deaktivierten SIMD-Einheiten freischaltete. Damit stieg die Anzahl der Stream-Prozessoren auf 1.536, der GPU-Takt erhöhte sich auf 880 MHz – exakt die Spezifikationen einer Referenz-Radeon HD 6970.
Besonders bemerkenswert: PowerColor gewährte hierfür explizit die Herstellergarantie. Während Enthusiasten bei anderen Modellen durch manuelles Flashen des BIOS regelmäßig Garantieansprüche riskierten, handelte es sich bei der PCS++ um ein offiziell unterstütztes Feature. Diese Strategie war möglich, weil AMD zu dieser Zeit bei der Radeon-HD-6900-Serie auf sogenanntes "Binning" setzte: Chips, die bei voller Ausbaustufe nicht die Qualitätsanforderungen für eine 6970 erfüllten, wurden als 6950 verkauft, mit deaktivierten Einheiten jedoch meist voll funktionsfähig.
Technische Ausstattung und Limitationen
Hardwareseitig orientierte sich die PCS++ stark an der HD-6970-Referenzplatinen. Das modifizierte PCB maß 27 Zentimeter Länge und verfügte über eine angepasste Stromversorgung: Statt der üblichen zwei 6-Pin-PCIe-Anschlüsse setzte PowerColor auf eine Kombination aus einem 6-Pin- und einem 8-Pin-Stecker, um die höhere Leistungsaufnahme der freigeschalteten GPU sicherzustellen.
Der Kühlungsblock mit Kupferkern, Aluminium-Radiator und drei Heatpipes sowie zwei 85-Millimeter-Axiallüftern erwies sich im Test als effizienter als das Referenzdesign der HD 6970. Die Temperaturen blieben selbst unter Last niedriger, die Lautstärke deutlich reduziert. Einzig der Speicher blieb ein Zünglein an der Waage: Mit 2.500 MHz lag der Takt der 2 GByte GDDR5-Speicher (von Hynix) unter dem Niveau einer echten 6970 (2.750 MHz), was sich leistungstechnisch bemerkbar machte.
Messwerte und Praxistauglichkeit
Im Testlabor von ComputerBase erwies sich die Freischaltung als problemlos und in allen Fällen funktionsfähig – eine Garantie, die PowerColor ausdrücklich gab, obwohl AMD in späteren GPU-Revisionen das Freischalten technisch unterband. Gegenüber einer Standard-HD-6950 erzielte die freigeschaltete Karte durchschnittlich acht Prozent mehr Bilder pro Sekunde, wodurch sie nahezu auf dem Niveau einer teureren HD 6970 agierte.
Durch zusätzliche Übertaktung ließen sich weitere fünf bis sechs Prozent Leistung herausholen, sodass das Gesamtpaket bis zu 15 Prozent schneller war als eine HD 6950 im Auslieferungszustand. Preislich positionierte PowerColor die limitierte Edition bei rund 270 Euro, nur 15 Euro über einer regulären HD 6950 und rund 25 Euro unter einer HD 6970.
Ein Stück Hardware-Geschichte, das heute undenkbar ist
Rückblickend markiert die PowerColor Radeon HD 6950 PCS++ einen einzigartigen Moment in der Geschichte der Desktop-Grafikkarten. In einer Ära, in der GPU-Hersteller ihre Produktsegmente rigide voneinander abgrenzen und selbst künstliche Hardware-Beschränkungen für Marketingzwecke einsetzen, erscheint die Offenheit von damals geradezu revolutionär. Heutige Hersteller wie NVIDIA oder AMD verkaufen Chips mit gezielt deaktivierten Einheiten als separate Produktlinien, ohne Freischaltmöglichkeiten anzubieten – ein ökonomisches Kalkül, das die klare Produktsegmentierung sicherstellt.
Die PCS++ steht stellvertretend für eine Zeit, in der PC-Hardware noch mehr "Spielraum" für Enthusiasten bot und Hersteller durch kreative Produktgestaltung Aufsehen erregen konnten. Dass die Karte zudem durch den effizienteren Kühler leiser und kühler blieb als das Referenzdesign der teureren 6970, machte sie zum Schnäppchen schlechthin. Kritik gab es lediglich für die relativ hohe Lautstärke im Leerlauf – ein kleiner Makel angesichts des Gesamtpakets.
Die Radeon HD 6950 PCS++ bleibt in Erinnerung als Meisterstück kundenfreundlicher Produktgestaltung. Sie bewies, dass offizielle Upgrade-Optionen im Grafikkartenmarkt funktionieren können, und bot eine Preis-Leistungs-Balance, die seinesgleichen suchte. Für Sammler und Retro-Enthusiasten stellt sie heute ein begehrtes Stück Hardware-Geschichte dar.
Quelle: ComputerBase