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Trump droht Netflix: Politischer Druck auf Tech-Konzerne wächst

Der US-Präsident fordert Netflix auf, Board-Mitglied Susan Rice zu feuern. Im Hintergrund lauert eine 15-Milliarden-Dollar-Übernahme. Ein Tabubruch mit Folgen.

CA
Christopher Ackermann27. Februar 2026

Wenn der Präsident zum HR-Manager wird

Wie TechCrunch berichtet, hat Donald Trump Netflix am Samstag über sein Social Network Truth Social gedroht: Das Unternehmen solle Board-Mitglied Susan Rice "sofort" feuern oder "die Konsequenzen tragen". Rice sitzt seit 2018 im Verwaltungsrat des Streaming-Riesen – und das scheint Trump nun zu stören.

Der Auslöser für Trumps Unmut ist eine Aussage von Rice im Podcast "Stay Tuned with Preet". Darin kündigte die ehemalige UN-Botschafterin und Beraterin unter Obama und Biden an, dass Unternehmen, die vor Trump "in die Knie gehen", zur Rechenschaft gezogen werden, sobald die Demokraten zurück an der Macht sind. Eine klare politische Ansage – die Trump offenbar als persönlichen Affront interpretiert hat.

Der Subtext: Regulatorische Macht als Verhandlungsmasse

Trumps Post mag auf den ersten Blick wie ein weiterer impulsiver Social-Media-Ausbruch wirken. Doch der Zeitpunkt ist bemerkenswert und strategisch. Netflix steht kurz vor der Übernahme von Warner Bros. Discovery – ein Deal im Volumen von etwa 15 Milliarden Dollar, der die Medienlandschaft fundamental umkrempeln würde. Und dieser Deal benötigt die Genehmigung von Bundesbehörden. Also: Trumps Behörden.

Co-CEO Ted Sarandos hat sich bereits mit Trump getroffen, bevor der Deal öffentlich wurde. Danach kommentierte Trump, Netflix sei ein "großartiges Unternehmen", aber es gehe um "viele Marktanteile, wir werden sehen, was passiert". Das klingt nach klassischer Trump-Verhandlungstaktik: Erst Unsicherheit streuen, dann Forderungen stellen. Die Drohung gegen Susan Rice könnte also als direkter Hebel in diesen Verhandlungen verstanden werden.

Wie wir bereits in DOJ untersucht Netflix: Kartellvorwürfe gegen Streaming-Giganten berichtet haben, gibt es ohnehin kartellrechtliche Bedenken gegen die geplante Fusion. Trumps Forderung könnte diese Debatte zusätzlich politisieren.

Ein bekanntes Muster

Es ist nicht das erste Mal, dass Trump auf diese Weise vorgeht. Im Herbst forderte er von Microsoft, Präsidentin Lisa Monaco zu entlassen – ebenfalls eine ehemalige Regierungsbeamtin, die ins Visier von Trumps Unterstützern geriet. Monaco ist übrigens immer noch bei Microsoft beschäftigt – das Unternehmen ignorierte die Forderung schlicht.

In der aktuellen Netflix-Affäre spielt auch Laura Loomer eine Rolle, eine rechtsextreme Aktivistin mit Einfluss auf Trump. Trumps Post enthält einen Screenshot ihrer Kritik an Rice, einschließlich der Behauptung, die "Netflix-Warner Bros.-Fusion würde ein Streaming-Monopol schaffen, an dem die Obamas über ihre Produktionsfirma Higher Ground erheblich beteiligt wären". Diese These entbehrt einer faktischen Grundlage: Higher Ground hat einen Content-Deal mit Netflix, keine Eigentumsanteile.

Autoritäre Spielchen oder ernste Bedrohung?

Die eigentliche Frage lautet: Wie ernst sollten Tech-Unternehmen solche Drohungen nehmen? Einerseits könnte man argumentieren, dass Trump einfach auf Truth Social herumpoltert, wie er es seit Jahren tut. Andererseits: Er ist Präsident, und er kontrolliert die Behörden, die über Milliarden-Deals entscheiden.

Dass ein US-Präsident öffentlich fordert, ein privates Unternehmen solle ein Board-Mitglied feuern – und dies implizit mit regulatorischen Konsequenzen verknüpft – ist ein bemerkenswerter Tabubruch. Es ist die Art von Verhalten, die man normalerweise autoritären Regimen vorwirft. In demokratischen Systemen gibt es normalerweise eine Trennlinie zwischen staatlicher Macht und privater Wirtschaft. Diese Grenze wird hier deutlich überschritten.

Netflix befindet sich in einer unangenehmen Situation: Nachgeben würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen und signalisieren, dass politischer Druck funktioniert. Nicht nachgeben könnte den Warner-Bros.-Deal gefährden – und damit die größte strategische Wette des Unternehmens seit Jahren.

Corporate Courage in der Praxis

Microsoft hat mit Lisa Monaco gezeigt, dass Ignorieren eine valide Strategie sein kann. Die Frage ist, ob Netflix dieselbe Rückgrat-Kapazität hat – insbesondere mit einer 15-Milliarden-Dollar-Übernahme in der Pipeline. Finanzielle Interessen und moralische Prinzipien stehen oft in Konflikt.

Susan Rice hat in ihrem Podcast-Auftritt einen wichtigen Punkt angesprochen: Die Normalisierung von politischem Druck auf Unternehmen hat langfristige Konsequenzen. Wenn jede Administration beginnt, Unternehmen für politische Loyalität zur Rechenschaft zu ziehen, erodiert das Fundament einer unabhängigen Wirtschaft. Das ist nicht nur ein Netflix-Problem, sondern eine Frage, die die gesamte Tech-Industrie betrifft.

Trumps Bemerkung, Rice habe "kein Talent oder Fähigkeiten" und sei "rein ein politischer Hack", ist besonders ironisch. Rice war Nationale Sicherheitsberaterin, UN-Botschafterin und Assistant Secretary of State – sie hat mehr außenpolitische Erfahrung als die meisten aktuellen Trump-Kabinettsmitglieder zusammen.

Die Tech-Industrie als Spielball

Dieser Vorfall ist symptomatisch für eine größere Entwicklung: Tech-Unternehmen werden zunehmend zu Schauplätzen politischer Machtkämpfe. Ob es um Content-Moderation, Personalpolitik oder Mega-Deals geht – die Grenzen zwischen Wirtschaft und Politik verschwimmen.

Für die Tech-Industrie bedeutet das: Planbarkeit war gestern. Regulatorische Entscheidungen basieren nicht mehr primär auf Kartellrecht oder Verbraucherschutz, sondern auf der Frage, ob das Management die richtigen Leute beschäftigt – nach Definition des jeweiligen Präsidenten. Das ist ein fundamentales Problem für Unternehmen, die langfristig planen müssen.

Netflix schweigt bisher zu Trumps Forderung. Eine kluge Strategie im Moment. Aber die Frage bleibt: Wie lange kann man einen Präsidenten ignorieren, der über deine größte geschäftliche Entscheidung seit Jahren mitentscheidet? Die Antwort wird zeigen, ob die Tech-Industrie noch Unabhängigkeit hat – oder ob sie längst Teil des politischen Spiels geworden ist.

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TechCrunchOriginalquelle
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