Quantum Computing: Investitionen ohne Ergebnisse
Wie TechCrunch berichtet, hat der Venture-Capital-Fonds Quantonation Ventures seinen zweiten Investmentfonds mit 220 Millionen Euro (etwa 260 Millionen Dollar) geschlossen. Das ist mehr als doppelt so viel wie beim ersten Fonds im Jahr 2018. Besonders bemerkenswert: Dieses massive Kapitalwachstum findet in einer Branche statt, die bisher keine praktischen Erfolge vorzuweisen hat. Quantencomputer ersetzen 2026 noch immer keine herkömmlichen Supercomputer, und von industrieller Skalierung kann keine Rede sein. Dennoch fließen Hunderte Millionen in eine Technologie, deren praktischer Nutzen weiterhin fraglich bleibt.
Die Paradoxie des Quantum-Investierens
Die zentrale Frage drängt sich auf: Warum investieren erfahrene Venture-Capitalists massiv in eine Technologie, die außerhalb speziell konstruierter Benchmarks noch nie klassische Computer übertroffen hat? Die Antwort ist eine komplexe Mischung aus mehreren Faktoren.
Zum einen spielt FOMO – die Angst, etwas zu verpassen – eine große Rolle. Wenn Quantencomputing tatsächlich den nächsten großen technologischen Durchbruch darstellt, möchte kein seriöser Investor ausgelassen werden. Zum anderen argumentieren Befürworter wie Will Zeng, Partner bei Quantonation, dass der Sektor seit 2018 erhebliche Fortschritte gemacht habe. Es gebe "technologische Durchbrüche" und "frühe Nachfrage aus akademischen und industriellen Laboren". Solche Aussagen klingen beeindruckend, bleiben aber bewusst vage. Welche Durchbrüche genau? Welche industrielle Nachfrage rechtfertigt Bewertungen im Milliardenbereich? Konkrete Antworten bleiben aus.
Die "Picks and Shovels"-Strategie: Das ehrlichere Geschäftsmodell
Interessanterweise offenbaren die Investitionsstrategien von Quantonation eine gewisse Ehrlichkeit: Der Fonds setzt nicht primär auf die Quantenchips selbst, sondern auf die Infrastruktur drumherum. Das niederländische Startup Qblox beispielsweise verdient bereits Geld mit Quantum-Control-Hardware und -Software, die an andere Unternehmen im Portfolio verkauft wird.
Diese Strategie erinnert an den kalifornischen Goldrausch des 19. Jahrhunderts: Während die meisten Goldsucher bankrott gingen, machte Levi Strauss mit Jeans ein Vermögen. Die Parallele ist aufschlussreich. Vielleicht ist das die ehrlichere Investitionsthese: Nicht in die Quantenchips selbst investieren, sondern in die Werkzeuge und Infrastruktur, die für ihre Entwicklung notwendig sind. Dieses Modell könnte langfristig profitabler sein als die direkte Investition in die unsichere Kerntechnologie.
Börsen-Euphorie trotz fehlender Fundamentals
Die Aufregung hat längst die Börsen erfasst. Bloomberg spricht von einem "Quantum Frenzy", teilweise befeuert durch prominente Unterstützer wie Nvidia-CEO Jensen Huang, der im Juni 2025 verkündete, Quantencomputing erreiche einen "Wendepunkt". Huang hat in der Vergangenheit mit strategischen Prophezeiungen Recht gehabt – etwa bei der GPU-Revolution. Ob diese Erfolgsbilanz sich bei Quantum wiederholt, bleibt abzuwarten.
Quantenaktien sind in den letzten Monaten stark gestiegen, obwohl die Technologie fundamental limitiert bleibt. Googles Willow-Chip wurde 2024 als Meilenstein für Fehlerkorrektur gefeiert – dem Kernproblem von Quantensystemen. Doch ein klarer Architektur-Gewinner zeichnet sich nicht ab, und niemand kann mit Sicherheit sagen, wann Quantencomputer klassische Rechner bei realen Problemen übertreffen werden.
Das größte Problem: Vagheit statt Roadmap
Das fundamentale Problem bleibt die fehlende Klarheit über Zeitpläne und konkrete Anwendungen. Der Konsens wächst zwar, dass "echte Anwendungen nur noch wenige Jahre entfernt sind" – von Biowissenschaften bis zu neuen Materialien. Doch "wenige Jahre" ist keine Roadmap, sondern eine Hoffnung. Ähnlich vage verhält es sich mit der oft zitierten Bedrohung moderner Verschlüsselung durch Quantencomputer. Es gibt keinen konkreten Zeitplan, wann diese Bedrohung akut wird, doch Regierungen und Tech-Konzerne investieren bereits Milliarden in Post-Quantum-Kryptografie – aus Vorsicht, nicht aus akuter Gefahr.
Breitere Strategie: Nicht alle Eier in einen Korb
Quantonations zweiter Fonds investiert breiter als der erste. Neben Quantenchips zählen auch "angrenzende physikbasierte Technologien wie Photonik und Laser" zum Portfolio. Das ist eine clevere Diversifizierungsstrategie – oder ein stilles Eingeständnis, dass man sich nicht sicher ist, wo der Durchbruch kommt. Mit 12 bereits getätigten Investments aus einem Zielportfolio von 25 Startups deckt der Fonds die gesamte Wertschöpfungskette ab: Software, industrielle Anwendungen und Basistechnologien. Geografisch ist das Portfolio ebenso breit gestreut, von Paris über New York bis nach Asien.
Fazit: Geduld oder Größenwahn?
Quantonations 260-Millionen-Dollar-Wette zeigt eines deutlich: Der Glaube an Quantencomputing ist trotz fehlender praktischer Erfolge ungebrochen. Ob das visionäres Investieren oder kollektiver Selbstbetrug ist, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Quantencomputing könnte tatsächlich transformativ sein – aber wann und in welcher Form bleibt unklar. Bis dahin verdienen die Infrastruktur-Anbieter, während die Entwickler von Quantenchips weiter graben und hoffen. Für Investoren gilt: Wer 2026 in Quantum investiert, braucht entweder einen sehr langen Atem oder sehr gute Nerven für volatilen Hype. Eines ist sicher: langweilig wird es nicht.