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OSINT gegen Staatsgewalt: Wie Aktivist*innen einen Polizisten überführten

Als in Argentinien ein Fotograf durch einen Polizeischuss schwer verletzt wird, vertuscht der Staat den Vorfall. Ein Kollektiv nutzt digitale Forensik, um den Täter zu identifizieren – und beweist: Technologie kann Zivilcourage verstärken.

CR
Codekiste Redaktion21. Mai 2026

Wenn der Staat die Wahrheit verschweigt

Am 12. März 2025 erschüttert ein Vorfall Argentinien: Der 36-jährige Fotograf Pablo Grillo wird während einer Demonstration von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen. Er ringt tagelang um sein Leben, verliert Gehirnmasse und trägt bleibende Schäden davon. Die Reaktion der Sicherheitsbehörden? Vertuschung. Die damalige Sicherheitsministerin Patricia Bullrich behauptet fadenscheinig, die Patrone sei an einer Barrikade abgeprallt. Ein klassischer Fall von „Polizei beobachtet Polizei“ – würde man sich auf die offiziellen Kanäle verlassen, fiele der Vorfall unter den Tisch.

Doch Grillos Überlebenskampf wird zum Symbol für Pressefreiheit und den Kampf gegen Polizeigewalt. Dass der Täter heute vor Gericht steht, ist keinem behördlichen Untersuchungsausschuss zu verdanken, sondern einem Kollektiv zivilgesellschaftlicher Hackerinnen und Analystinnen: „Mapa de la Policia“.

Digitale Forensik als Gegenwehr

Das Kollektiv, dem renommierte NGOs wie CELS und CORREPI sowie kritische Medien angehören, dokumentiert seit 2022 polizeiliche Gewalt in Buenos Aires. Über ein Online-Formular können Betroffene und Zeug*innen Fälle melden, kategorisieren und so eine Datenbank staatlicher Übergriffe aufbauen. Doch beim Fall Grillo gehen sie einen Schritt weiter: Sie beweisen, dass Open Source Intelligence (OSINT) und digitale Forensik mächtige Werkzeuge für Zivilgesellschaft und Demokratie sind.

Innerhalb von Stunden nach dem Vorfall beginnt das Kollektiv, Foto- und Videomaterial zu sammeln. Smartphones von Zeuginnen, TV-Aufnahmen, Drohnenaufnahmen von NGOs und Pressefotos – ein gewaltiger Datensatz. Vier Tage lang werten rund zehn Analystinnen das Material rund um die Uhr aus. Sie kreuzen Metadaten, Standortdaten von Smartphones, akustische Signale und sogar die spezifischen Grüntöne der verschiedenen Polizeieinheiten. Das Ergebnis ist ein lückenloses Beweismosaik: Sie können Uhrzeit, Art des Projektils und den exakten Ort der Schussabgabe bestimmen. Vor aber auch der Täter: Gendarmerie-Angehöriger Héctor Guerrero wird eindeutig identifiziert, ebenso wie die verantwortlichen Befehlshaber, die den Einsatz nach den ersten Schüssen nicht stoppten.

Das KI-Paradoxon: Warum Handarbeit Trumpf ist

In einer Ära, in der „Künstliche Intelligenz“ als Lösung für fast jedes Datenproblem gehandelt wird, ist die Aussage des Kollektiv-Mitglieds Alex bemerkenswert: KI konnte bei dieser hochsensiblen Feinarbeit nicht helfen. Es war reine Handarbeit. Warum? Weil es hier nicht um Mustererkennung in großen Datenmengen ging, sondern um gerichtsfeste Beweisführung.

Wer vor Gericht staatliche Akteure überführen will, muss lückenlose Beweisketten liefern. Black-Box-Algorithmen, deren Entscheidungswege nicht nachvollziehbar sind, haben vor Gericht keinen Bestand. Die Analyst*innen mussten jedes Frame, jede Schattenlänge und jedes Geräusch zweifelsfrei einem Ort, einer Zeit und einer Person zuordnen können. Unterstützt wurden sie dabei von Guillermo „Willy“ Pregliasco, einem Forensiker des Forschungsinstituts CONICET, dessen Methoden sogar die Vorlage für die US-Serie „CSI Miami“ lieferten. Seine Expertise stellte sicher, dass die digitalen Beweise den strengen Anforderungen der Justiz standhielten.

Sousveillance: Den Spiegel umdrehen

Der Fall Grillo ist ein Paradebeispiel für das Konzept der Sousveillance – der Beobachtung durch die Beobachteten. Während Staaten zunehmend auf Surveilance (Überwachung von oben) setzen, nutzen Aktivist*innen verfügbare Technologien, um Machtstrukturen von unten aufzudecken. Die von „Mapa de la Policia“ aufgebauten Strukturen zeigen, wie Widerstand im digitalen Zeitalter funktioniert: dezentral, vernetzt und evidenzbasiert.

Die Bedeutung dieser Arbeit wird vor dem Hintergrund der politischen Lage in Argentinien deutlich. Seit dem Amtsantritt von Präsident Javier Milei wird das Recht auf Straßenprotest massiv eingeschränkt. Polizeigewalt gegen Rentnerinnen, Straßenhändlerinnen oder Obdachlose ist Alltag. Die Karte des Kollektivs macht diese alltägliche Gewalt sichtbar und bietet rechtliche wie psychologische Unterstützung an. Dafür ist das Kollektiv derzeit sogar verfilmenswert – eine Dokumentation ist in Arbeit, gefördert unter anderem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Omega Research Foundation.

Fazit: Technologie ist nur so neutral wie ihre Nutzer*innen

Die Geschichte von Pablo Grillo und dem „Mapa de la Policia“-Kollektiv ist ein Beweis dafür, dass Technologie ein Werkzeug der Mächtigen wie der Marginalisierten sein kann. Während Behörden versuchen, Vorfälle zu vertuschen, nutzen Zivilgesellschaften digitale Forensik, um staatliche Narrative zu dekonstruieren. Die Tatsache, dass KI bei der Beweisaufnahme keine Rolle spielte, ist eine wichtige Erinnerung: Wahre Aufklärung erfordert menschliche Ausdauer, kritisches Denken und den Mut, Beweise gerichtsfest aufzubereiten.

Im Juni 2026 wird das Kollektiv in Berlin sein – ein guter Moment, um über den globalen Transfer von OSINT-Wissen und den Schutz von Zivilgesellschaften nachzudenken. Denn das argentinische Modell zeigt: Wenn der Staat nicht ermittelt, muss es die Zivilgesellschaft tun – bestens ausgerüstet mit Forensik und digitalem Sachverstand.

Quelle: Netzpolitik.org

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