Notepad++ kommt nach 20 Jahren nativ auf den Mac
Es ist eine der längsten Wartezeiten in der Geschichte der Texteditoren: Notepad++, der unter Windows seit zwei Jahrzehnten zu den beliebtesten Werkzeugen für Entwickler gehört, ist nun endlich als native macOS-Applikation verfügbar. Ein Open-Source-Community-Projekt hat den Windows-Codebase erfolgreich auf Apples Betriebssystem portiert – und das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Universal Binary für Apple Silicon und Intel Macs
Die neue macOS-Version von Notepad++ läuft als Universal Binary. Das bedeutet: Egal, ob Sie einen Mac mit Apple Silicon (M1 und Nachfolger) oder einen älteren Intel-Mac nutzen – die Anwendung funktioniert nativ auf beiden Architekturen. Kein Rosetta-Übersetzungs-Layer, keine virtuelle Maschine, kein Wine-Gefrickel. Endlich.
Die Portierung wurde von Andrey Letov durchgeführt, der die Objective-C++ Cocoa UI geschrieben hat, welche das Win32-Frontend der Originalversion ersetzt. Ein beachtliches Stück Arbeit, das die Brücke zwischen der Windows-Welt und Apples Cocoa-Framework schlägt.
Gleiche Funktionalität, native Oberfläche
Wer befürchtet hat, dass die Mac-Version nur ein halbherziger Abklatsch des Windows-Originals sein könnte, wird angenehm überrascht. Die Editing-Erfahrung ist identisch mit der Windows-Version. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der gleiche Scintilla-Engine unter der Haube arbeitet.
Die Feature-Liste liest sich wie ein Who's Who der Texteditor-Funktionalitäten:
- Tabbed Editing: Mehrere Dateien gleichzeitig in Tabs bearbeiten
- Syntax Highlighting: Unterstützung für über 80 Programmiersprachen
- Search and Replace: Umfangreiche Such- und Ersetzungsfunktionen
- Macro Recording: Makros aufzeichnen und wiedergeben
- Plugin-Support: Erweiterbarkeit durch das bewährte Plugin-Ökosystem
Der einzige Unterschied zur Windows-Version betrifft die Benutzeroberfläche: Menüs, Dialoge, Dateiauswahl-Dialoge, Tastaturkürzel und das Windowing nutzen native macOS Cocoa APIs. Das bedeutet, dass sich Notepad++ auf dem Mac auch wie eine Mac-Applikation anfühlt – mit den gewohnten macOS-spezifischen Interaktionsmustern.
Kritische Einordnung: Was bedeutet das für den Mac-Entwickler-Alltag?
Die Ankunft von Notepad++ auf dem Mac ist zweifellos ein Meilenstein – aber man muss auch kritisch fragen: Warum hat es 20 Jahre gedauert? Die Antwort liegt in der Architektur von Notepad++ selbst. Die starke Verzahnung mit der Win32-API machte eine Portierung alles andere als trivial. Andrey Letov musste im Grunde das gesamte UI-Frontend neu schreiben, während der Core erhalten blieb. Das ist kein Weekend-Projekt, sondern ein mehrjähriges Unterfangen.
Interessanter ist jedoch die Frage, ob Notepad++ auf dem Mac überhaupt eine nennenswerte Marktdurchdringung erzielen kann. Die Mac-Entwickler-Community hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten andere Favoriten gesucht:
- VS Code dominiert den Markt mit einer Verbreitung, die alle anderen Editoren in den Schatten stellt
- Sublime Text hat sich als schneller, nativer Editor etabliert
- BBEdit ist eine Mac-Legende
- Nova von Panic bietet ein hochgradig Mac-natives Erlebnis
- Zed als neuer, extrem schneller Player im Feld
Gegen diese etablierte Konkurrenz muss Notepad++ antreten. Sein Trumpf: Die absolute Kostenlosigkeit unter der GNU General Public License. Keine Werbung, keine Abo-Fallen, keine versteckten Kosten. In einer Zeit, in der selbst einfache Texteditoren zunehmend mit Subscription-Modellen arbeiten, ist das ein starkes Argument.
Die GPL-Strategie als Wettbewerbsvorteil
Die Lizenzwahl ist strategisch klug. Während VS Code zwar kostenlos ist, aber an Microsofts Ökosystem bindet (und die VS Code-Extensions-Gallery proprietär ist), bleibt Notepad++ völlig unabhängig. Die GPL garantiert zudem, dass die Software immer frei bleibt – ein Aspekt, der in der Open-Source-Community Gewicht hat.
Allerdings gibt es auch Schattenseiten: Die Plugin-Architektur von Notepad++ ist nicht mit der von VS Code vergleichbar. Das Ökosystem ist kleiner, die Extensions weniger vielfältig. Und die Tatsache, dass die macOS-Version von einer einzelnen Person gepflegt wird, wirft Fragen zur langfristigen Wartbarkeit auf. Was passiert, wenn Andrey Letov das Projekt abgibt? Wird die Community den Mantle übernehmen?
Fazit: Ein spätes, aber willkommenes Debüt
Notepad++ auf dem Mac ist wie der Besuch eines alten Freundes, den man lange aus den Augen verloren hatte. Die Funktionalität ist vertraut, die Performance dank nativer Umsetzung überzeugend, und der Preis ist unschlagbar. Ob der Editor allerdings nennenswerte Marktanteile auf dem Mac erobern kann, bleibt abzuwarten.
Für Entwickler, die von Windows auf den Mac wechseln und ihr geliebtes Werkzeug vermissen, ist Notepad++ nun eine echte Option. Und für alle, die einen schnellen, kostenlosen, GPL-lizenzierten Editor suchen, der nicht an ein Tech-Gigant-Ökosystem gebunden ist, gibt es jetzt eine neue Alternative.
Die Download ist auf der Notepad++ Website verfügbar. Probieren Sie es aus – es hat immerhin 20 Jahre gedauert, bis es möglich wurde.
Quelle: MacRumors