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Deepfakes und digitale Gewalt: Warum reine Strafverschärfungen nicht reichen

Die Debatte um digitale Gewalt ist nach dem Fall Ulmen-Fernandes in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch der Fokus auf Deepfakes und Strafrecht greift zu kurz, wie Netzpolitik analysiert.

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Christopher Ackermann12. April 2026

Raus aus der Nische, rein in die Talkshows: Digitale Gewalt ist in den vergangenen Wochen plötzlich zu einem dominanten Thema in der deutschen Medienlandschaft geworden. Auslöser war ein Artikel des Spiegels, in dem Schauspielerin Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen schwere Vorwürfe machte – unter anderem mit den Worten: „Du hast mich virtuell vergewaltigt“. Die Kanzlei Ulmens reagierte prompt mit rechtlichen Schritten gegen die Berichterstattung, doch die Debatte ließ sich nicht mehr stoppen. Auch Formate wie die Caren Miosga-Sendung griffen das Thema auf.

Doch während die Aufmerksamkeit für digitale Gewalt grundsätzlich zu begrüßen ist, zeichnet sich in der aktuellen Debatte eine problematische Verengung ab. Das zeigt die aktuelle Folge des Netzpolitik-Podcasts „Off The Record“ (#306), in der Chris Köver, Ingo Dachwitz und Sebastian Meineck die aktuelle Lage analysieren.

Der falsche Fokus: Wenn nur noch Deepfakes zählen

Das Problem: Die öffentliche Debatte reduziert digitale Gewalt fast ausschließlich auf sexualisierte Deepfakes. Das Bundesjustizministerium hat bereits reagiert und einen Gesetzentwurf vorgelegt, der genau diese Form der digitalen Gewalt unter Strafe stellt. Doch wer den Kampf gegen digitale Gewalt auf KI-generierte Nacktbilder verkürzt, blendet die Realität vieler Betroffener aus. Digitale Gewalt existierte schon lange vor dem Deepfake-Boom – in Form von Stalking, Doxing, Hasskampagnen oder dem nicht-konsensuelle Teilen von intimen Aufnahmen (Revenge Porn).

Die berechtigte Frage, die Netzpolitik aufwirft: Wo war die gesellschaftliche Empörung, bevor Deepfakes das Thema salonfähig machten? Dass der Diskurs erst dann eskaliert, wenn KI-Technologie im Spiel ist, offenbart ein hierarchisches Empörungsmuster. Die alltägliche, oft niederschwellige digitale Gewalt gegen Frauen wurde jahrelang ignoriert oder als Kollateralschäden des Netzes abgetan.

Strafrecht als Placebo

Die zweite große Fehlentwicklung ist der reflexhafte Ruf nach Strafverschärfungen. Ein neues Gesetz macht Deepfakes strafbar – und dann? Wie Chris Köver in seinem Kommentar treffend anmerkt: „Ein Gesetz stürzt noch kein Patriarchat.“ Der Glaube, dass strafrechtliche Sanktionen das zugrundeliegende Problem lösen, ist naiv. Strafrecht wirkt immer erst im Nachhinein. Es bestraft Täter, aber es schützt die Opfer nicht präventiv und beseitigt nicht die Motivlage – das patriarchale Anspruchsdenken, das Frauen als Objekte betrachtet.

Technologie fungiert hier lediglich als Verstärker für ein bereits existierendes gesellschaftliches Problem. Das zeigt auch ein Blick auf die Plattformen: Wenn Elon Musks KI-Chatbot Grok munter sexualisierte Deepfakes verbreitet, wird deutlich, dass die Gefahr nicht nur von individuellen Tätern ausgeht, sondern von einer Tech-Industrie, die Sicherheitsmechanismen zugunsten von Reichweite und „Freedom of Speech“ vernachlässigt.

Das Momentum und seine Gefahr

Trotz der verkürzten Debatte sehen die Podcaster auch Chancen. Sebastian Meineck erkennt ein „mächtiges politisches Momentum“. Zum ersten Mal wird digitale Gewalt als das ernst genommen, was sie ist: eine Fortsetzung physischer und struktureller Gewalt in den digitalen Raum. Die Dunkelfeldstudie zu geschlechtsbezogener und häuslicher Gewalt belegt, wie verbreitet diese Phänomene wirklich sind.

Gleichzeitig mahnen die Autoren zur Vorsicht vor der instrumentalisierung. Wie ein Kommentar von Vladimir Balzer im Deutschlandfunk aufzeigt, versuchen Akteure wie Friedrich Merz, die Debatte für ausländerfeindliche Narrative zu vereinnahmen. Die falsche Erzählung lautet dann: Digitale Gewalt sei ein Importproblem, verursacht durch fremde Kulturen. Dies verschleiert nicht nur die Realität – die meisten Täter sind aus dem nahen sozialen Umfeld der Opfer –, sondern exkulpiert das eigene patriarchale System.

Fazit: Was stattdessen getan werden muss

Die Debatte um digitale Gewalt braucht dringend eine Kurskorrektur. Weg von der Fixierung auf einzelne Technologien wie Deepfakes, hin zu einem ganzheitlichen Verständnis von digitaler Gewalt. Strafverschärfungen allein reichen nicht; es braucht strukturelle Prävention, eine nachhaltige Plattformregulierung, die die Tech-Konzerne in die Pflicht nimmt, und vor allem eine flächendeckende, finanziell ausgestattete Opferhilfe. Zudem müssen gesellschaftliche Ursachen – der digitale Sexismus und das männliche Anspruchsdenken – adressiert werden. Nur wenn wir aufhören, digitale Gewalt als rein technologisches Problem zu behandeln, können wir sie wirksam bekämpfen.

Quelle: Netzpolitik.org

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